Aus medizinischer Sicht liegt der Fokus zunächst auf der Stabilisierung des Patienten, der chirurgischen Versorgung und der Förderung der Wundheilung. Frühzeitige Hauttransplantationen sind ein zentraler Baustein, um Komplikationen wie überschießende Narbenbildung zu minimieren. Doch die eigentliche Herausforderung beginnt oft erst danach: die Rehabilitation. Hier geht es nicht mehr nur um die körperliche Wiederherstellung, sondern auch um die Rückkehr in den Alltag.
„Die Nachbehandlung von Brandverletzungen erfordert Geduld – die Narbenreifung folgt ihrem eigenen Tempo“, betont Dr. Hans Ziegenthaler, Chefarzt am Rehabilitationszentrum für Brandverletzte in Bad Klosterlausnitz. Neben physikalischen Therapien, Narbenbehandlung und Training spielt die frühzeitige Einbindung der Orthopädie-Technik eine entscheidende Rolle.
Ziegenthaler macht dies anhand eines 19-jährigen Patienten deutlich, der nach einem Verkehrsunfall großflächige Verbrennungen an Händen, Beinen, Rumpf, Gesicht und Hals erlitt. Rund ein Viertel seiner Körperoberfläche war betroffen, hinzu kamen Amputationen an beiden Händen. Nach der intensivmedizinischen Akutversorgung begann eine langwierige Rehabilitation, in der die Weichen für Lebensqualität und Selbstständigkeit gestellt wurden.
Kompressionskleidung gehört im skizzierten Fall zu den wichtigsten Hilfsmitteln: Sie übt konstanten Druck auf das Gewebe aus und beeinflusst so die Narbenreifung positiv. Gleichzeitig muss sie so gestaltet sein, dass sie Beweglichkeit erlaubt und über lange Zeiträume hinweg getragen werden kann – oft bis zu zwei Jahre. „Die Kompressionskleidung muss funktional und passgerecht sein, sodass sie Alltagsfunktionen zulässt, denn sie muss 23 Stunden am Tag und sieben Tage pro Woche getragen werden“, erklärt der beteiligte OTM Frank Naumann vom Sanitätshaus Orthovital. Für den jungen Patienten wurde beispielsweise eine passgenaue Gesichtsmaske auf Basis eines digitalen Scans gefertigt. Sie besteht aus einer Kombination von Silikon und Kunststoff, die gezielten Druck ermöglicht und gleichzeitig hohen Tragekomfort bietet.
Nach der OP folgt die OT
Noch anspruchsvoller ist die Versorgung der Hände. Hier greifen medizinische und orthopädietechnische Maßnahmen eng ineinander: Operative Eingriffe schaffen zunächst die Voraussetzungen für eine prothetische Versorgung, während parallel therapeutische Maßnahmen die Beweglichkeit der Stümpfe erhalten. Erst anschließend kann die Orthopädie-Technik funktionale Lösungen entwickeln.
Im vorliegenden Fall fiel die Wahl auf eine körpergesteuerte Fingerprothese der linken Hand, nachdem bis auf den Daumen ein Großteil der anderen Finger amputiert werden musste. „Ein erster Test zeigte, dass eine Eigenkraftfingerprothese, bei der die Restfunktion der Fingerhandstümpfe genutzt wird, das am besten geeignete Hilfsmittel wäre“, berichtet Naumann.
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit basiert nicht nur auf fachlicher Expertise, sondern auch auf gewachsenen Strukturen. Der kontinuierliche Austausch, gemeinsame Fallbesprechungen und die Einbindung spezialisierter Einrichtungen bilden im Idealfall ein Netzwerk, das über die reine Versorgung hinausgeht. Gerade bei seltenen und komplexen Krankheitsbildern wie schweren Brandverletzungen ist ein solches Netzwerk entscheidend. Es ermöglicht nicht nur individuelle Lösungen, sondern auch die Weiterentwicklung von Versorgungsstandards.
Der Vortrag „Darstellung des neuen Kapitels zur Versorgung von Brandverletzungen“ von OTM Frank Naumann ist am 19. Mai 2026 um 9:15 Uhr Bestandteil des Workshops „Update Kompendium Prothetik der unteren Extremität – praxisnahe Anwendung von Schaft bis Gehschule“. Der Workshop ist für alle Besucherinnen und Besucher der OTWorld 2026 zugänglich.
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