Berufsbildung

Rei­se­sti­pen­di­um führ­te quer durch Nordamerika

Wie unterscheidet sich die Orthopädie-Technik in Deutschland und den USA? Eine Studienreise lieferte Einblicke in Versorgung, Forschung und neue Technologien.

Im Früh­jahr ging es für Ortho­pä­die­tech­nik-Meis­te­rin Svea Kut­sche für vier Wochen nach Nord­ame­ri­ka. Vor Start der Stu­di­en­rei­se hieß es noch ein­mal tief Luft holen. Denn ab da gab es kei­ne Atem­pau­se. Das Pro­gramm war eng getak­tet: Zahl­rei­che Klinik‑, Werk­statt- und Indus­trie­be­su­che, Vor­trä­ge und Gesprä­che füll­ten die Agen­da, dazwi­schen gab es nur weni­ge freie Tage und immer wie­der stand der nächs­te Flug vor der Tür. Am Ende war die Luft raus, der Kopf und das Herz aber waren voll. „Die Zeit war inten­siv, es gab so viel Input. Und ich habe Men­schen ken­nen­ge­lernt, denen ich wahr­schein­lich sonst nie begeg­net wäre. Ich möch­te kei­nen Moment mis­sen“, betont die 29-Jährige.

Wie funk­tio­nie­ren die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung und die Ortho­pä­die-Tech­nik in den USA? Wo gibt es Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­de zu Deutsch­land? Auf die­se Fra­gen hoff­te Kut­sche wäh­rend der Rei­se Ant­wor­ten zu fin­den und wur­de nicht ent­täuscht. Ihre Erkennt­nis: Mit Blick auf die pro­the­ti­sche Ver­sor­gung sind bei­de Län­der gleich­auf, doch im Bereich Orthe­tik hat Deutsch­land die Nase vorn. Das zeig­te sich sowohl beim Besuch gro­ßer, lan­des­weit akti­ver Ein­rich­tun­gen wie der Han­ger Cli­nic als auch deut­lich klei­ne­rer Ein­rich­tun­gen wie der ortho­pä­die­tech­ni­schen Werk­statt Limb Lab in Minne­sota: Wäh­rend der Ein­satz von Car­bon hier­zu­lan­de Stan­dard ist, grei­fen die US-Ame­ri­ka­ner meist noch auf Ther­mo­plas­te zurück. Laut Kut­sche liegt das zum einen an den unter­schied­li­chen Abrech­nungs­struk­tu­ren, zum ande­ren feh­len pas­sen­de Her­stel­ler im Land, von denen die Betrie­be Gelen­ke und ande­re Pass­tei­le bezie­hen kön­nen. „Deutsch­land ist mit Fir­men wie Otto­bock, Fior & Gentz und Caro­li gut auf­ge­stellt“, fin­det sie.

Ein Blick in die Zukunft

Ein High­light war der Besuch der Uni­ver­si­ty of Utah (Salt Lake City). Das Labor arbei­tet eng mit Otto­bock zusam­men und ent­wi­ckelt moto­ri­sier­te Knie- und Sprung­ge­len­ke für Orthe­sen. „Es war beein­dru­ckend zu sehen, dass das ver­mut­lich die Zukunft sein wird“, betont Kut­sche. War­um Kada­ver­fü­ße (Prä­pa­ra­te mensch­li­cher Füße von Ver­stor­be­nen) rele­vant für die For­schung sein kön­nen, erfuhr sie am Seat­tle VA Medi­cal Cen­ter. Unter­sucht wird damit bei­spiels­wei­se, wie sich ein Gelenk­er­satz auf das Gang­bild und die Mus­ku­la­tur von Betrof­fe­nen aus­wir­ken kann. Ein wei­te­rer Moment, der ihr lang in Erin­ne­rung blei­ben wird, ist das Tref­fen mit Hugh Herr, Pio­nier im Bereich bio­ni­scher Pro­the­sen, am Mas­sa­chu­setts Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy (MIT). „Man hat ihm sei­ne Genia­li­tät ange­merkt“, schwärmt Kut­sche mit tie­fer Bewun­de­rung und Respekt. „Wie er sei­ne For­schung und sei­ne Vor­stel­lun­gen über zukünf­ti­ge Ent­wick­lun­gen beschrie­ben hat, war schon wild. Ich hat­te das Gefühl, mit einem moder­nen Tony Stark (fik­ti­ver Super­held und das Alter Ego von Iron Man aus dem Mar­vel-Uni­ver­sum, Anm. d. Red.) zu reden.“

In Salt Lake City ging es zu Ottobock: (v. l.) Svea Kutsche,<br />Dr. Gerfried Peternell, Dr. Alexander Truschkat, Dr. Sebastian Benner und Dr. Katharina Schultz. Foto: Svea Kutsche
In Salt Lake City ging es zu Otto­bock: (v. l.) Svea Kut­sche, Dr. Ger­fried Peter­nell, Dr. Alex­an­der Trusch­kat, Dr. Sebas­ti­an Ben­ner und Dr. Katha­ri­na Schultz. Foto: Svea Kutsche

Inter­dis­zi­pli­nä­res Vorbild

Doch nicht nur die Tech­nik und die Visio­nen für die Medi­zin und Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung haben nach­drück­lich Ein­druck hin­ter­las­sen. In Chi­ca­go war es das Shir­ley Ryan Abili­ty­Lab, das beson­ders auf­grund der Ver­bin­dung von For­schung, Ent­wick­lung und Reha­bi­li­ta­ti­on über­zeug­te. Der Besuch des Mas­sa­chu­setts Gene­ral Hos­pi­tal (Bos­ton) sowie der Uni­ver­si­ty of Colo­ra­do Anschutz (Auro­ra) führ­te Kut­sche zudem vor Augen, wie geleb­te inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit aus­se­hen kann. „Chir­ur­gen, Reha-Ärz­te, Tech­ni­ker und Phy­sio­the­ra­peu­ten bil­den eine Ein­heit“, berich­tet sie. Das Team kommt bereits vor der Ope­ra­ti­on zusam­men, plant gemein­sam den anschlie­ßen­den Ver­sor­gungs­pro­zess und beglei­tet die Pati­en­ten auch wäh­rend der gesam­ten Reha­bi­li­ta­ti­on. „Sol­che regel­mä­ßi­gen Sprech­stun­den wären in Deutsch­land Gold wert“, ist Kut­sche überzeugt.

Netz­werk aufgebaut

Wäh­rend die Orte stän­dig wech­sel­ten und viel neu­er Input auf Kut­sche ein­pras­sel­te, war auf eines stets Ver­lass: ihre Rei­se­grup­pe. Zu Beginn waren ihr die drei ande­ren Sti­pen­dia­ten, Ärz­te aus Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz, zwar eben­so fremd wie jede neue Stadt, mit der Zeit aber wur­den sie für Kut­sche zu einer ver­trau­ten Kon­stan­te und wuch­sen am Ende sogar zu einer „klei­nen Fami­lie“ zusam­men. Gemein­sam ver­brach­ten sie die Aben­de und frei­en Tage und tausch­ten sich über ihren ­Arbeits­all­tag aus. Die 29-Jäh­ri­ge erhielt Ein­blick in spe­zi­el­le Krank­heits­bil­der und ope­ra­ti­ve Abläu­fe, die Medi­zi­ner im Gegen­zug in die Ortho­pä­die-Tech­nik. „Bei schwie­ri­gen Pati­en­ten­fäl­len weiß ich, wen ich künf­tig anspre­chen kann, um eine wei­te­re Mei­nung ein­zu­ho­len oder eine Emp­feh­lung für einen Arzt in der Nähe zu bekom­men“, ist die OTM dank­bar für das neu auf­ge­bau­te (inter)nationale Netzwerk.

Nicht nur fach­lich hat Svea Kut­sche viel von der Rei­se mit­neh­men kön­nen, die Erleb­nisse haben sie auch per­sön­lich wach­sen las­sen. Zu vier aktu­el­len Fach­the­men muss­te sie im Vor­feld Prä­sen­ta­tio­nen für die Gast­ge­ber vor­be­rei­ten. Bei den ers­ten Vor­trä­gen schwang noch viel Auf­re­gung mit, doch nach und nach wur­de sie siche­rer und ent­spann­ter. „Lasst euch nicht auf­grund der Spra­che vom Sti­pen­di­um abhal­ten“, rät sie allen, die mit dem Gedan­ken spie­len, sich dafür zu bewer­ben. „Traut euch. Man muss nicht per­fekt Eng­lisch spre­chen können.“

Pia Engel­brecht

Fel­low­ship
Alle zwei Jah­re ver­gibt die Initia­ti­ve ’93 Tech­ni­sche Ortho­pä­die der Deut­schen Gesell­schaft für Ortho­pädie und Ortho­pä­di­sche Chir­ur­gie (DGOOC) Reise­stipendien für eine rund vier­wö­chi­ge Stu­di­en­rei­se durch Nord­ame­ri­ka. Finan­zi­ell unter­stützt wird das Ange­bot von der Fort­bil­dungs­ver­ei­ni­gung für Ortho­pä­die-Tech­nik (FOT) und dem Bun­des­in­nungs­ver­band für Ortho­pä­die-Tech­nik (BIV-OT). Teil­neh­men kön­nen Fach­ärz­te sowie Ortho­pä­die­tech­nik-Meis­ter aus Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz.

Bewer­bun­gen für das Rei­se­sti­pen­di­um 2028 wer­den bis zum 28. Febru­ar 2027 von Robert Hel­bing per E‑Mail an robert.helbing@fot-ev.de entgegen­­­­ge­nommen. ­Wei­te­re Infor­ma­tio­nen gibt es auf der ­Web­site der FOT. 

 

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