Der AOK-Bundesverband sitzt im eSummit-Beirat und ist Partner des eVO-Pilotprojekts für orthopädische Hilfsmittel unter Federführung des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik (BIV-OT). Im Gespräch mit der OT-Redaktion fordert er von den Verantwortlichen aus der Politik klare Ansagen sowie mutige Entscheidungen und er befürwortet eine Schlankheitskur für Prozesse. So hinterfragt er zum Beispiel den generellen Arztvorbehalt bei Verordnungen.
Herr Rudolf, der Stand der Dinge bei der elektronischen Hilfsmittelverordnung wird ein zentrales Thema des neuen eSummits der OTWorld sein, der unter anderem vom AOK-Bundesverband mitgestaltet wird. Wie lange ist der AOK-Bundesverband bereits Partner des eVO-Pilotprojekts?
Frank Rudolf: Wir sind schon seit Juni 2023 dabei, im November desselben Jahres wurde der formale Kooperationsvertrag geschlossen. Neben dem AOK-Bundesverband sind sechs AOKs mit im Boot: Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordost, NordWest, PLUS für Sachsen und Thüringen sowie Sachsen-Anhalt. Wir waren dankbar, dass der BIV-OT uns gefragt hat. Für uns war wichtig, von Anfang an mitzuwirken, damit die Prozesse der Kostenträger ebenfalls eingebunden werden. Es zeichnet diesen Piloten aus, dass hier alle an einem Strang ziehen und die elektronische Hilfsmittelverordnung so gestalten, dass sie den Versorgungsrealitäten entspricht. Selbst konkurrierende Softwareunternehmen kooperieren, um das bestmögliche Konzept zu entwickeln.
Welche zentralen Erkenntnisse haben Sie bislang aus dem Pilotprojekt gewonnen?
Vor allem zeigt sich, wie elementar es ist, Prozesse zunächst zu optimieren und zu vereinheitlichen, bevor man sie digitalisiert. Wer schlechte Prozesse digital abbildet, bekommt am Ende nur schlechte digitale Prozesse. Deshalb gibt es inzwischen einen Vorstandsauftrag im AOK-System, die Prozesse der elf AOKs zu standardisieren. Keine einfache Aufgabe, aber elementar.
Eine neue Checkliste der Gematik unterstützt Hilfsmittelleistungserbringer dabei, sich erfolgreich an die TI anzudocken. OT-Betriebe und Sanitätshäuser erfahren, was für die Installation des TI-Zugangs nötig ist. Detailliert wird aufgelistet, wie der Tag des Anschlusses vorbereitet sein muss und am besten organisiert wird. Zudem gibt es weiterführende Links zur Liste der zugelassenen Geräte und Anwendungen, TI-Gateway-Anbietern und Anbietern des Kommunikationsdienstes KIM (Kommunikation im Medizinwesen). Erster Ansprechpartner sei in der Regel der eigene IT-Dienstleister, wie die Gematik betont. Weitere Informationen und Checkliste zum Download
Wie weit sind denn die AOKs dabei gekommen – und was ist letztlich das Ziel dieser Standardisierung?
Alle AOKs nutzen einheitlich die Indigo-Plattform für elektronische Kostenvoranschläge. Und wir wollen am Ende kein Papier mehr im Prozess haben. Null Papier ist das Ziel. Wir haben immer noch viel zu viel „Ver-Zettelwirtschaft“. Wir brauchen keine Unterschrift per Kugelschreiber, die eh keiner lesen kann. Das lässt sich effizienter lösen! Wir wollen Prozesse möglichst automatisiert abbilden und brauchen dafür strukturierte Daten, die direkt in die Systeme der Krankenkassen übernommen werden können. PDF-Dokumente sind in dieser Hinsicht keine echte Digitalisierung, das ist eher Digitalisierung „zu Fuß“. Wenn Daten standardisiert vorliegen, können Prüf- und Verwaltungsprozesse automatisiert ablaufen. Wir wollen ein Höchstmaß an automatisierten Prozessen – diese heißen bei uns „Dunkelprozesse“ –, um mit wenig Man- und Womanpower auszukommen. Denn auch wir sind vom Arbeitskräftemangel betroffen und wollen unser Personal sinnvoll einsetzen, um Versorgungsqualität zu analysieren und zu sichern.
Auf welche Themen hat sich das Pilotprojekt zuletzt konzentriert?
Auf die rechnungsbegleitenden Prozesse. Wir entwickeln gerade eine gemeinsame Idee, welche rechnungsbegründenden Unterlagen nötig sind und wie wir hierfür einen Standard entwickeln können. Dabei befinden wir uns auf der Zielgeraden.
Geben Sie uns einen kleinen Vorausblick hinsichtlich der Automatisierungschancen bei diesen Prozessen?
Perspektivisch sollen die rechnungsbegründenden Unterlagen in einem standardisierten XML-Format (Extensible Markup Language, universelle Sprache für die hierarchische Darstellung und Speicherung strukturierter Daten, Anm. d. Red.) in die Abrechnung gepackt werden. Hoch automatisierte Abläufe, viel schneller als heute und mit weniger Personalaufwand, sind zum Beispiel bei den genehmigungsfreien Hilfsmitteln möglich. Die können Leistungserbringer ohne Kostenvoranschlag und Genehmigung abrechnen – bei den AOKs sind das 80 bis 90 Prozent. Doch auch bei Hilfsmitteln, die der Genehmigungspflicht unterliegen – wie hochfunktionelle, teure Prothesen –, lassen sich Prüfmechanismen automatisieren. Die eVO bietet da viele Möglichkeiten, die wir durch den Piloten ausloten konnten. Und da sprechen wir noch nicht von KI-Anwendungen! Auf dem OTWorld eSummit werde ich darüber berichten und ins Detail gehen.

Der AOK-Bundesverband sitzt auch im Beirat des OTWorld eSummits, der in diesem Jahr zum ersten Mal stattfindet. Was erwarten Sie von dieser Veranstaltung?
Der eSummit wird die positive Brisanz der Digitalisierung im Bereich Hilfsmittel und speziell des schnellen Starts der elektronischen Hilfsmittelverordnung deutlich machen: alle warten, alle wollen. Der TI-Anschluss der Hilfsmittelleistungserbringer darf nicht noch weiter verschoben werden! Hier wird ein Grundproblem bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen in Deutschland sichtbar: Wir hecheln immer hinterher. So werden aktuell noch TI-Konnektoren verwendet, die gar nicht mehr gebraucht werden. Der eSummit ist wichtig, um Erfahrungen aus dem Pilotprojekt vorzustellen, gleichzeitig neue Ideen zu diskutieren und die Digitalisierung voranzubringen. Das gelingt nur, wenn alle Beteiligten miteinander sprechen, Leistungserbringer, Kostenträger, Softwareanbieter und Politik. Der eSummit bietet die Möglichkeit für einen solchen Austausch, weil er die wichtigsten Zukunftsthemen der Hilfsmittelversorgung behandelt und einen Überblick des aktuellen Stands bietet.
Wie läuft die Zusammenarbeit im Beirat dieses neuen Veranstaltungsformats?
Die ist sehr offen! Jede Idee wird gehört, ernst genommen und weiterentwickelt. Das Leipziger OTWorld-Team um Antje Voigtmann macht einen tollen Job, schafft den Raum für ein großartiges Miteinander. Diese Atmosphäre wünsche ich mir auch für die Veranstaltung selbst: eine Plattform, auf der unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und über Lösungen debattiert wird. Ich kann nur sagen: Beteiligt euch, legt nicht die Hände in den Schoß und wartet nicht ab, bis die Gematik GmbH, Nationale Agentur für Digitale Medizin, Spezifikationen veröffentlicht!
Updates zum Pilotprojekt eVO für BIV-OT-Mitgliedsbetriebe liefert der Newsletter „eVO-Aktuell“. Interessierte können sich im Mitgliederbereich unter dem Menüpunkt Newsletter anmelden. Wer sich aktiv beteiligen möchte (zum Beispiel Mitgliedsbetriebe, Kostenträger oder PVS-Anbieter), meldet sich unter: telematik@biv-ot.org. Die Projektleitung informiert anschließend über Details.
Auf dem eSummit werden Sie auf dem Podium „Digitalisierung hilft – von der Verordnung bis zur Abrechnung“ zu Gast sein. Was möchten Sie dort vermitteln?
Ich werde darstellen, was wir uns aus Kostenträgersicht von der eVO und digitalen Prozessen versprechen. Gemeinsam mit Michael Gelhard (Opta-Data-Gruppe Anm. d. Red.) und Kirsten Abel (BIV-OT und WvD, Anm. d. Red.) beleuchten wir den digitalen Gesamtprozess und zeigen die Chancen für alle Beteiligten auf. Wir geben einen Vorgeschmack, wie das Ganze funktionieren wird.
Was können die Teilnehmer im Hinblick auf die eVO dabei Neues erfahren?
Vor zwei Jahren haben wir auf der OTWorld unter Beweis gestellt, dass der Prozess technisch funktioniert, eine eVO zu generieren, zu simulieren und an den Leistungserbringer zu schicken; von dessen Software wurde sie erkannt. Jetzt knüpfen wir daran an: Welche Erkenntnisse haben wir seitdem gewonnen, wie sieht der komplette Prozess bis zur Abrechnung aus? Welche Vorteile ergeben sich daraus? Und wir verdeutlichen den Zuhörern und der Politik die Dringlichkeit: Wir brauchen jetzt die Rahmenbedingungen, es geht alles viel zu langsam! Und wir müssen mutige Fragen stellen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Brauche ich für jede Hilfsmittelversorgung zwingend einen Arzt, vor allem bei den pflegenahen Versorgungen? Wenn nein, wo docke ich das an? Diagnostizieren darf nur der Arzt, aber wenn ich „weiße Ware“ wie einen Toilettenstuhl oder eine Gehhilfe brauche – vor allem, weil ich alt bin –, brauche ich da wirklich ein rosa Rezept? Da ist das Pflegegutachten doch schon sehr aussagekräftig. Selbst bei Prothesen ist die Frage, ob ein Arzt das diagnostizieren muss. Prothesenfähigkeit kann ein Orthopädietechniker genauso gut feststellen. Ob man also in manchen Bereichen den Arztvorbehalt abschafft, andere Zugänge für Patienten schafft – darüber will ich gern mit der Ärzteschaft, mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), in den Diskurs gehen. Wie können wir unsere Prozesse versorgungsrealer gestalten und entschlacken? Das ist eine zentrale Frage auf dem eSummit! Wir wollen Hemmnisse benennen und Wege zu ihrer Beseitigung finden. Dafür müssen wir aber mehr Vertrauen ineinander haben und nicht hinter jeder Leistungsbestätigung einen Betrugsversuch wittern.

Beim eSummit wird die komplette digitale Versorgungskette von der Beantragung der Zugangskarten bis zur Abrechnung live vorgeführt. Dafür wird es spezielle Rundgänge geben. Was erhoffen Sie sich davon?
Ich erwarte, dass die Gematik und die Politik sich das anschauen. Die Fachebene aus dem Hilfsmittelbereich hat ihr Kommen schon angekündigt.
Wie praxistauglich wird die vorgestellte Version des Piloten sein?
Was bisher gebaut wurde, ist praxistauglich. Die technischen Spezifikationen wurden der Gematik ja bereits zur Verfügung gestellt. Wenn das Fachkonzept „Häusliche Krankenpflege“ (HKP) mit der eVO HKP umgesetzt ist, was aktuell läuft, dann könnte die Gematik sich gern mit der eVO für Hilfsmittel befassen.
Welche Strahlkraft kann der eSummit für den weiteren Verlauf des Pilotprojekts entfalten?
Definitiv wird er Schub geben. Durch die Verschiebung der verpflichtenden Anbindung der Hilfsmittelleistungserbringer an die TI ist etwas Ernüchterung eingetreten. Der eSummit sorgt für neue Kraft und strahlt positive Stimmung aus! Und vielleicht geht es mit der eVO für Hilfsmittel doch schneller als gedacht! Das Fachkonzept HKP ist vom Grund her eine Blaupause für unsere eVO, mit ähnlicher Philosophie. Wenn die eVO HKP auf dem richtigen Gleis ist, wirkt sie vielleicht als Katalysator und die eVO für Hilfsmittel nimmt Fahrt auf. Wir sind jedenfalls bereit!
Wie kann eine schnelle Einführung der eVO die Hilfsmittelversorgung verbessern?
Die Versorgung wird cleverer, schneller, transparenter und braucht weniger Personal für Routinen. Eine Hilfsmittelversorgung ist oft ein Gesamtprozess. So dauert die Versorgung mit einer myoelektrischen Armprothese heute etwa ein Dreivierteljahr. Mithilfe der sicheren digitalen Kommunikationsmöglichkeiten in der TI kann sich der Kontakt zwischen Arzt, Leistungserbringer und Kostenträger enorm beschleunigen – und das Hilfsmittel ist viel eher beim Patienten. Heute werden Patienten oder deren Angehörige wegen einer Unterschrift teilweise kilometerweit hin und her geschickt. Das muss enden!
Wo muss die Politik noch Lösungen finden, was muss sie angehen, damit sich diese Hoffnungen erfüllen und die Einführung der eVO zum Erfolg wird?
Mehr Mut ist gefragt, Altes infrage zu stellen und klare Ansagen zu machen! Bisher fehlt mir ein erkennbarer politischer Plan, Bürokratie zu beseitigen. Die Zahl der Paragrafen im Fünften Buch des Sozialgesetzbuchs (SGB V) hat sich in den letzten Jahrzehnten fast verdreifacht, ohne dass die Versorgung besser geworden wäre. Entweder will die Politik auch bei der eVO bis ins Kleinste alles regeln. Dann muss sie genau beschreiben, was wir tun sollen, und das schnell. Oder sie löst das Regelungskorsett und vertraut uns. Mit dem Piloten stellen wir unter Beweis, dass wir das Bürokratiemonster zähmen können und die eVO in den Griff kriegen. Bisher sieht Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen eher so aus: Wir brauchen fünf Jahre, um Technologien zu implementieren, die zehn Jahre alt und bereits überholt sind. Das hat viele Ressourcen aufgefressen. Lasst uns machen, dann geht’s schneller und geschmeidiger!
Die Fragen stellte Cathrin Günzel

Sie haben Fragen zur eVO oder zum TI-Anschluss?
In der neuen Rubrik „Gefragt – geklärt“ im Rahmen unserer eVO-Artikelreihe werden diese von Experten beantwortet. Senden Sie Ihre Fragen an telematik@biv-ot.org, Betreff „Gefragt – geklärt“. Wir freuen uns darauf!
Die erste Frage in unserer neuen Rubrik treibt etliche Betriebe um:
Was kosten die Installation des TI-Anschlusses und die technische Erstausstattung?
Andre Lyhs: Die Investitionskosten für die Erstausstattung inklusive Installation liegen im Allgemeinen zwischen 1.500 und 2.000 Euro, je nach Anbieter und technischer Ausgangssituation. Hinzu kommen laufende monatliche Kosten von etwa 160 bis 250 Euro. Zur finanziellen Entlastung zahlt der GKV-Spitzenverband den verschiedenen Berufsgruppen monatliche Erstattungspauschalen. Für den Hilfsmittelbereich fehlen hier noch konkrete Zahlen, 2026 sollen die Gespräche dazu starten. Bei Auswahl des richtigen Anbieters und sorgfältiger Kalkulation der Kosten ist in vielen Fällen eine vollständige Refinanzierung möglich.
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