eVer­ord­nung: Nicht aus­brem­sen lassen!

Trotz politischer Bremse läuft das eVO-Pilotprojekt für orthopädische Hilfsmittel weiter planmäßig. Warum die Verschiebung auf 2027 den digitalen Fortschritt nicht stoppt, welche Meilensteine 2025 erreicht wurden und was 2026 bringt, erklären Thomas Münch (BIV-OT) und Michael Gelhard (Opta Data) im OT-Interview.

Der digi­ta­le Fort­schritt geht wei­ter, auch wenn die Poli­tik auf die Brem­se tritt: Der Bun­des­tag hat am 6. Novem­ber 2025 beschlos­sen, die ver­pflich­ten­de Anbin­dung der Hilfs­mit­tel­leis­tungs­er­brin­ger an die Tele­ma­tik­in­fra­struk­tur (TI) und damit auch die Ein­füh­rung der elek­tro­ni­schen Hilfs­mit­tel­ver­ord­nung (eVer­ord­nung) auf den 1. Okto­ber 2027 zu ver­schie­ben. Unklar ist, wann sich ortho­pä­die­tech­ni­sche (OT-)Betriebe und Sani­täts­häu­ser frei­wil­lig an die TI als zen­tra­le Platt­form für digi­ta­le Anwen­dun­gen im deut­schen Gesund­heits­we­sen ando­cken dür­fen. Ursprüng­lich war dies für 2026 vor­ge­se­hen. Trotz­dem läuft beim Pilot­pro­jekt eVer­ord­nung (eVO) für ortho­pä­di­sche Hilfs­mit­tel unter Feder­füh­rung des Bun­des­in­nungs­ver­ban­des für Ortho­pä­die-Tech­nik (BIV-OT) alles wie geplant. Im OT-Inter­view schau­en Tho­mas Münch aus dem BIV-OT-Vor­stand und Micha­el Gel­hard, Seni­or Busi­ness Trans­for­ma­ti­on Mana­ger der Opta Data, Essen, auf 2025 zurück und geben einen Aus­blick auf die nächs­ten Schrit­te. Zu den Mei­len­stei­nen gehört die Über­ga­be der Prozess­dokumentation und ‑vor­la­ge für die eVer­ord­nung an die Gema­tik GmbH, die Natio­na­le Agen­tur für Digi­ta­le Medizin.

Herr Münch, Herr Gel­hard, seit 6. Novem­ber 2025 ist klar: Die Ein­füh­rung der eVer­ord­nung wird ver­scho­ben. Wie geht es Ihnen mit der Entscheidung?

Micha­el Gel­hard: Die Digi­ta­li­sie­rung braucht Tem­po und jeder Auf­schub bremst Mehr­wer­te aus, die direkt in die Ver­sor­gung flie­ßen könn­ten. Unser Pilot­pro­jekt will nicht nur bestehen­de Abläu­fe digi­ta­li­sie­ren, son­dern sie ver­bes­sern: schnel­le­re Pro­zes­se, mehr Trans­pa­renz, Ent­las­tung für Leis­tungs­er­brin­ger und Kas­sen. Dafür müs­sen alle Betei­lig­ten früh­zei­tig Erfah­run­gen sam­meln. Das hat schon die Ein­füh­rung des elek­tro­ni­schen Arz­nei­mit­tel­re­zepts gezeigt.

Tho­mas Münch: Genau des­halb hät­ten wir uns gewünscht, zumin­dest frei­wil­lig frü­her star­ten zu dür­fen. Die Hilfs­mit­tel­leis­tungs­er­brin­ger brau­chen so schnell wie mög­lich die Chan­ce, sich an die TI anzu­schlie­ßen: Die TI ist die Grund­la­ge der moder­nen Gesund­heits­ver­sor­gung. Es ist ent­täu­schend, dass die Poli­tik auch unse­ren frei­wil­li­gen Anschluss zurück­ge­stellt hat, der ursprüng­lich im Janu­ar 2026 mög­lich gewe­sen wäre. Wir haben bis­lang rund 80.000 Arbeits­stun­den und drei Mil­lio­nen Euro inves­tiert, um die elek­tro­ni­sche Ver­ord­nung recht­zei­tig auf den Weg zu brin­gen. Aber wir las­sen uns nicht ausbremsen.

Was bedeu­tet die Ver­schie­bung für das Pilotprojekt?

Gel­hard: Wir erwar­ten dadurch kei­ne Ver­zö­ge­rung. Es geht wei­ter, ohne Abstriche.

Münch: Wir gehen ent­schlos­sen vor­an und hal­ten den Kurs. Alle Part­ner zie­hen an einem Strang, von den ortho­pä­die­tech­ni­schen Werk­stät­ten und Sani­täts­häu­sern über die Indus­trie, die Kos­ten­trä­ger und deren Dienst­leis­ter bis zu den Arzt­pra­xen und Praxissoftwareanbietern.

Was war der wich­tigs­te Mei­len­stein 2025?

Münch: Wir konn­ten Her­stel­ler von Pra­xis­ver­wal­tungs­sys­te­men (PVS) ins Boot holen. Sie lie­fern inzwi­schen durch­schnitt­lich rund 2.000 anony­mi­sier­te Ori­gi­nal­re­zep­te pro Monat. Das ist eine soli­de Grund­la­ge, um unser Sys­tem rea­li­täts­nah mit einer gro­ßen Stück­zahl ech­ter Ver­ord­nun­gen zu prüfen.

Wie erfolg­reich sind die­se Tests?

Münch: Wir konn­ten die Rezep­te scan­nen, und in der Gema­tik-App war die eVer­ord­nung sichtbar.

Gel­hard: In den Bran­chen­soft­wares hat der Abruf eben­falls funk­tio­niert. Zahl­rei­che Leis­tungs­er­brin­ger haben 2025 aktiv mit­ge­tes­tet. Wir wis­sen also, dass es läuft.

Die­se Tests wer­den weitergeführt?

Münch: Durch­ge­hend. Bis Ende 2025 waren etwa 300 Betrie­be betei­ligt. Wei­te­re wer­den dazu­kom­men, sobald ihre Soft­ware so weit ist, dar­un­ter auch grö­ße­re Betrie­be mit zahl­rei­chen Filialen.

Gel­hard: Jeder Betrieb kann mit­machen, wenn sei­ne Soft­ware bereit ist. Uns ist wich­tig, dass die Leistungs­erbringer ihre Kom­pe­tenz und Krea­ti­vi­tät einbringen.

Zur Per­son

Für Thomas Münch hat das Thema Digitalisierung einen festen Platz auf der OTWorld.

Tho­mas Münch ist im BIV-OT-Vor­stand zustän­dig für Digi­ta­li­sie­rung. Als Ver­tre­ter der Arbeits­grup­pe (AG) Tele­ma­tik hat er das Pilot­pro­jekt eVer­ord­nung (eVO) für ortho­pä­di­sche Hilfs­mit­tel von Beginn an aktiv beglei­tet. Der Diplom-Ortho­pä­die­tech­nik­meis­ter ist Geschäfts­füh­rer der Münch & Hahn GmbH & Co. KG in Duis­burg. Foto: BIV-OT/Chris Rausch 

 

Wie vie­le Bran­chen­soft­ware-­An­bie­ter sind angebunden?

Gel­hard: Sechs Anbie­ter sind bereit für die eVer­ord­nung, ihre Pro­gram­me wur­den getes­tet. 2026 fol­gen wei­te­re. Die Markt­ab­de­ckung liegt nahe­zu bei 100 Prozent.

Münch: Alle Anbie­ter sind dabei, etli­che müs­sen die Inte­gra­ti­on aber noch umsetzen.

Im ver­gan­ge­nen Jahr wur­de die Arbeits­ge­mein­schaft (AG) Son­der­pro­zes­se gebil­det. Was hat sie erreicht?

Münch: Die AG hat die Pro­zess­ab­läu­fe ana­ly­siert und doku­men­tiert. Die­se Unter­la­gen gehen bis Ende des ers­ten Quar­tals 2026 an die Gema­tik. Auf die­ser Grund­la­ge unter­brei­ten wir Vor­schlä­ge zur Ein­bin­dung der Son­der­pro­zes­se. Wir lie­gen gut im Rennen.

Gel­hard: Die Gema­tik ist inter­es­siert und offen für Input. Bei Son­der­pro­zes­sen wie Außen­dienst­ar­beit oder häus­li­cher Ver­sor­gung schau­en wir, wel­che Lösun­gen im All­tag prak­ti­ka­bel sind. Beim eRe­zept für Arz­nei­mit­tel zum Bei­spiel funk­tio­niert der mobi­le Abruf mit dem Card­link-Ver­fah­ren über die elek­tro­ni­sche Gesund­heits­kar­te (eGK).

Gab es Überraschungen?

Gel­hard: Ja, und zwar eine posi­ti­ve. Anfangs glaub­te jeder, sein Son­der­pro­zess sei völ­lig anders und die Ver­sor­gung mit Sau­er­stoff bei­spiels­wei­se erfor­de­re kom­plett ande­re Abläu­fe als die mit Inkon­ti­nenz­pro­duk­ten etc. Die Ana­ly­se zeig­te aber gro­ße tech­ni­sche Gemein­sam­kei­ten – wir benö­ti­gen kei­ne 3.000 Ein­zel­bau­stei­ne. Die Doku­men­ta­ti­on passt auf 20 Sei­ten statt auf 200. Ein tol­les Ergebnis!

Wel­che Modu­le des Pilot­pro­jekts sind abgeschlossen?

Gel­hard: Die Digi­ta­li­sie­rung des rosa Papier­re­zepts „Mus­ter 16“ ist ab­geschlossen. Dazu gehö­ren aber zahl­rei­che beglei­ten­de Unter­la­gen wie zum Bei­spiel Emp­fangs­be­stä­ti­gun­gen, die von den Kran­ken­kas­sen für die Abrech­nung eines Hilfs­mit­tels benö­tigt wer­den. Mit unse­ren Kran­ken­kas­sen­part­nern und deren Dienst­leis­tern haben wir ers­te Ansät­ze ent­wi­ckelt, wie sich die­se Doku­men­te anglei­chen und redu­zie­ren las­sen. Idea­ler­wei­se ent­ste­hen ein­heit­li­che Stan­dards für alle Krankenkassen.

Münch: Beson­ders posi­tiv ist, dass die betei­lig­ten AOKs bereit sind, die Anzahl rech­nungs­be­glei­ten­der Unter­la­gen zu hin­ter­fra­gen. Ziel ist eine schlan­ke­re und ein­heit­li­che Liste.

Gel­hard: Dar­über hin­aus wäre ein digi­ta­ler Prüf­pro­zess ide­al. Denn ein digi­ta­li­sier­tes PDF ist kein Fort­schritt, wenn am Ende doch ein Mensch dar­auf schau­en muss. Mehr­wert ent­steht erst durch auto­ma­ti­sier­te Prüf­pro­zes­se, die zum Bei­spiel eine digi­tal signier­te Emp­fangs­be­stä­ti­gung direkt mit der digi­ta­len Iden­ti­tät des Ver­si­cher­ten abgleicht. Dies geht aller­dings über den Pilo­ten hin­aus. Klar ist: Wenn Rou­ti­nen auto­ma­ti­siert lau­fen, kön­nen Sach­be­ar­bei­ter sich kom­ple­xen Fäl­len wid­men. Das Pilot­pro­jekt ist dafür ein Startpunkt.

Zur Per­son

Micha­el Gel­hard ist Seni­or Busi­ness Trans­for­ma­ti­on Mana­ger der Opta-Data-Stif­tung & Co. KG – Opta-Data-Grup­pe. Als Pro­jekt­lei­ter Pilotpro­jekte der Opta Data, Essen, betreut er das eVO-Pilot­pro­jekt unter Feder­führung des BIV-OT von Sei­ten des Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­mens. Foto: Gelhard 

 

Gab es 2025 ent­schei­den­de Rück­schlä­ge im Pilotprojekt?

Münch: Ja, die Frist­ver­schie­bung. Ich habe 2025 bei der Hand­werks­kam­mer Düs­sel­dorf den elek­tro­ni­schen Berufs­aus­weis (eBA) und die Insti­tu­ti­ons­kar­te SMC‑B (Secu­ri­ty Modu­le Card Typ‑B) bean­tragt, um 2026 in der TI sofort tes­ten zu kön­nen. Die­se Chan­ce fehlt jetzt.

Der eBA ist für das OT-Hand­werk nicht mehr zwin­gend nötig. Ist das der von der Bran­che ein­ge­for­der­te Bürokratieabbau?

Münch: Das hat mit Büro­kra­tie­ab­bau nichts zu tun, son­dern ist eine Kos­ten­er­spar­nis für die Kos­ten­trä­ger. Den eBA muss ich nun selbst bezahlen.

Wer ist für den TI-Zugang für OT-Betrie­be und Sani­täts­häu­ser verantwortlich?

Münch: Die Gema­tik muss den TI-Anschluss frei­ge­ben, die Poli­tik muss zustimmen.

Was ist der nächs­te Meilenstein?

Münch: Zum Ende des 2. Quar­tals kann die AOK Nie­der­sa­chen im Rah­men des Pilot­pro­jekts Abrech­nungs­da­ten digi­tal emp­fan­gen und ver­ar­bei­ten. Wir ent­wi­ckeln gera­de die Ver­trä­ge dafür. Am Pilot­pro­jekt teil­neh­men­de Arzt­pra­xen kön­nen dann mit Zustim­mung der Pati­en­ten Papier­re­zep­te in eVer­ord­nun­gen umwan­deln. Wir tes­ten, ob die Abrech­nung rei­bungs­los läuft und wo nach­jus­tiert wer­den muss. Die ande­ren Part­ner-AOKs beglei­ten die­sen Test.

Gel­hard: Bis­her haben wir den Abruf der eVer­ord­nung in den Bran­chen­soft­wares getes­tet, 2026 brin­gen wir die Abrech­nung auf den Weg. Auf der OTWorld prä­sen­tie­ren wir ers­te Ergebnisse.

Wie rele­vant sind die Ergeb­nis­se des Pilot­pro­jekts für die Gema­tik?

Gel­hard: Das bereits ver­öf­fent­li­che Fach­kon­zept Häus­li­che Kran­ken­pfle­ge (HKP) mit der eVO HKP stimmt uns zuver­sicht­lich. Es zeigt, dass die Gema­tik bei der eVO einen ganzheit­lichen Ansatz ver­folgt und sich eng mit allen Akteu­ren abstimmt. Das Fach­kon­zept bestä­tigt uns: Vie­le der für die eVO HKP defi­nier­ten Rah­men­be­din­gun­gen decken sich mit unse­rem Pilo­ten. Da die eVO HKP die Grund­lage für alle wei­te­ren sons­ti­gen Leis­tungs­er­brin­ger bil­den wird, begrü­ßen wir, dass unse­re Annah­men und Grund­satz­ent­schei­dun­gen wie etwa offe­ne Stan­dards und ein zen­tra­ler Fach­dienst sich dort wie­der­fin­den. Umge­kehrt ler­nen wir von deren Erkenntnissen.

Münch: Wir über­ge­ben der Gema­tik ein pra­xis­na­hes und gema­tik­kon­for­mes Modell für die eVer­ord­nung von Hilfs­mit­teln, dar­un­ter die Vor­la­ge für den Fach­dienst sowie sämt­li­che Ergeb­nis­se und Vor­schlä­ge aus den Pro­jekt-AGs zu den rech­nungs­be­glei­ten­den Unter­la­gen und Son­der­pro­zes­sen. Damit liegt der Gema­tik erst­mals ein umfas­sen­des, in der Pra­xis getes­te­tes Kon­zept vor, das sowohl regu­lä­re Ver­sor­gungs­ab­läu­fe als auch kom­ple­xe Son­der­fäl­le berücksichtigt.

Herr Münch, Herr Gel­hard, was wün­schen Sie sich für 2026?

Gel­hard: Dass wir die Zeit nut­zen, wei­ter ler­nen und vor­an­kom­men. Sobald wir an die TI dür­fen, sind alle bereit. Und ich freue mich auf den OTWorld eSum­mit, das Gip­fel­tref­fen für digi­ta­le Mehr­wer­te in der Hilfs­mittelversorgung auf der OTWorld im Mai 2026!

Münch: Dass die Poli­tik unse­re Kom­pe­tenz stär­ker wahr­nimmt. Wir tra­gen Ver­ant­wor­tung für Mobi­li­tät und Teil­ha­be, das wird oft über­se­hen. Die Ver­schie­bung der eVer­ord­nung zeigt die­se Igno­ranz. Aber wir blei­ben dran und machen weiter!

Die Fra­gen stell­te Cath­rin Günzel

 

Infor­mie­ren und mitmachen
Updates zum Pilot­pro­jekt eVO für BIV-OT-Mit­glieds­be­trie­be lie­fert der News­let­ter „eVO-Aktu­ell“. Inter­es­sier­te kön­nen sich im Mit­glie­der­be­reich unter dem Menü­punkt News­let­ter anmel­den. Wer sich aktiv betei­li­gen will (zum Bei­spiel Mit­glieds­be­trie­be, Kos­ten­trä­ger oder PVS-Anbie­ter), mel­det sich unter: telematik@biv-ot.org

Die Pro­jekt­lei­tung infor­miert anschlie­ßend über Details. 

 

Die vor­he­ri­gen Arti­kel der Rei­he zur eVer­ord­nung lesen Sie hier:

Teil 1: Rei­bungs­los von Papier zu digital
Teil 2: Pilot­pro­jekt eVer­ord­nung nimmt wei­ter Fahrt auf
Teil 3: eVer­ord­nung: HMV bedarf Überarbeitung
Teil 4: eVer­ord­nung: Son­der­pro­zes­se mitdenken
Teil 5: Pilot­pro­jekt eVO setzt auf offe­ne Schnittstellen
Teil 6: Qua­li­ta­ti­ve Test­pha­se treibt Pilot­pro­jekt voran 
Teil 7: eVO-Pilot­pro­jekt: Sta­tus quo, Fort­schrit­te und offe­ne Baustellen
Teil 8: eVer­ord­nung im Pra­xi­scheck des Pilotprojekts
Teil 9: ePA und eVO: Digi­ta­li­sie­rung mit Lücken
Teil 10: Pilot­pro­jekt stellt sich immer brei­ter auf
Teil 11: eVer­ord­nung: Posi­ti­ons­pa­pier der KBV

 

 

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