Es wurde durch den SpiOST (Spitzenverband für Orthopädie-Schuhtechnik, Anm. d. Red.) an den Beratungsausschuß die Bitte herangetragen, sich mit der Bewertung von sensomotorischen Einlagen auch im Vergleich zu den in der PG 08 beschriebenen Einlagentypen, wie stützende oder stützend/bettende Weichschaumeinlagen mit verschiedener Shorehärte (Weichpolsterbettungseinlagen) nochmals zu beschäftigen:
Aus einer Stellungnahme des SpiOST wird subsummiert:
Das Bundessozialgericht (BSG) hat mit Urteil vom 12.06.2025 (Az. B 3 KR 12/23 R) entschieden, dass die Versorgung mit sensomotorischen Fußorthesen (SMFO) als neue Behandlungsmethode einzustufen ist. Eine Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) besteht demnach nur bei Anerkennung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G‑BA). Da eine solche Anerkennung bislang nicht erfolgt ist, besteht aktuell keine Leistungspflicht der GKV.
Vorstellung und Diskussion der aktuellen wissenschaftlichen Literatur zu sensomotorischen Fußorthesen
Im Beratungsausschuss wurde die aktuelle Literatur insbesondere unter dem Gesichtspunkt diskutiert, ob und inwiefern sich stützend/bettende Einlagen (oder biomechanisch wirksame Fußorthesen) und sensomotorische Fußorthesen in ihrer Wirkung und Beschwerdereduktion unterscheiden.
Zunächst wird auf die Stellungnahme des Beratungsausschusses aus dem Jahr 2016 verwiesen: In den Ausführungen von 2016 ist zu lesen: „Sämtliche Einlagen haben aufgrund der Funktion des Fußes als Tastorgan sensomotorische Einflüsse und unter Umständen sensomotorische Effekte.“
Definition sensomotorischer Fußorthesen (SMFO)
Sensomotorische Fußorthesen sind Einlagen, die nicht primär mechanisch stützen, sondern über gezielte Druck- und Reizpunkte an der Fußsohle neuromuskuläre Steuerungsmechanismen (Tonus, Muskelaktivität, Gelenkstellung, Gangmuster) beeinflussen sollen. Die Studienlage ist bislang begrenzt.
Typische Elemente von SMFO
– Mediale Rückfußstütze (Sustentaculum-Stütze): Aktivierung der tibialen Stabilisation
– Laterale Rückfußstütze: Aktivierung der Peronealmuskulatur
– Retrocapitale Pelotte/Stufe: Detonisierung des Gastrocnemius-Soleus Komplexes
– Zehensteg: Detonisierung der Zehenbeuger und der Plantarfaszie
Die Umsetzung erfolgt über strukturierte Weichschaummaterialien (ca. 30–40 Shore) mit Elementhöhen von etwa 3–20 mm, abhängig von Region, Alter und Indikation.
Kontraindikationen
Schwere strukturelle Defizite, kontrakte Fehlstellungen, rigide Deformitäten oder Situationen, in denen eine neuromuskuläre Reaktion nicht zu erwarten ist.
Wirkmechanismus
Der Fuß fungiert als sensibles Afferenzorgan. Über definierte plantare Reize können Reflex- und Steuerkreise beeinflusst werden:
– Detonisierung durch autogene Hemmung (z. B. Golgi-Sehnenorgane)
– Aktivierung durch Muskelspindelreflexe (z. B. Peroneus-Gruppe, Tibialis posterior)
Vorgehen („How to do“)
Der Effekt ist stark abhängig von exakter Befundung und Positionierung. Erforderlich sind Inspektion, Achsen- und Gelenkbeurteilung,
ggf. instrumentierte Ganganalyse sowie Verlaufskontrollen nach
1–3 Wochen und erneut nach etwa
3 Monaten.
Indikationen
– Flexibler kindlicher und erwachsener Knick-Senk-Plattfuß
– Plantarfasziitis
– Sprunggelenkinstabilitäten (OSG/USG)
– Rückenschmerzen im Rahmen funktioneller Muskelketten
Die Studienlage zeigt Hinweise auf positive Effekte, ist jedoch methodisch oft limitiert. Die Empfehlung basiert auf niedriger Evidenz (Expertenkonsens). Zwei neuere Studien werden vertieft diskutiert. Eine systematische wissenschaftliche Aufarbeitung mit Publikation ist durch Prof. Dr. Walther vorgesehen.
Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse, dass sensomotorische Einlagen das Potenzial besitzen, beim reagiblen Fuß die Fußstatik über aktive muskuläre Steuerung günstig zu beeinflussen, ohne Nachteile gegenüber stützenden Einlagen zu zeigen.
Aktuell vergleichende Literatur betreffend stützend/bettender Einlagen (BMFO) und sensomotorischer Fußorthesen (SMFO):
Hierbei konnten mehrere Studien diskutiert werden, wobei in zwei Studien (Schmitt et al. und Simon et al.) SMFO direkt mit BMFO verglichen wurden.
In der Studie von Schmitt et al. (2025) konnte gezeigt werden, dass sensomotorische Einlagen im Erwachsenenalter das Potenzial besitzen, über eine aktive muskuläre Adressierung die Fußstatik günstig zu beeinflussen, ohne Nachteile gegenüber stützenden Einlagen aufzuweisen. Stützende Einlagen sind effektiv zur schnellen Symptomlinderung, könnten jedoch langfristig die intrinsische Stabilisierung der Fußwölbung beeinträchtigen.
Die Autoren schlussfolgern, dass eine zeitlich begrenzte Versorgung mit sensomotorischen Einlagen in Kombination mit konsequentem Fußmuskeltraining eine sinnvolle therapeutische Strategie darstellen könnte. Stützende Einlagen wirken effektiv und schmerzlindernd; es wird gemutmaßt, dass stützende Einlagen eher eine dauerhafte Versorgung erfordern. Wissenschaftlich ist keine Signifikanz hieraus abzuleiten, wobei festgestellt wird, dass sowohl stützende Einlagen (BMFO) als auch SMFO im Vergleich zu Placeboeinlagen einen signifikant positiven Effekt haben.
Eine Studie von Simon et al. (2025) belegt, dass sowohl sensomotorische (SMFO) als auch biomechanische Fußorthesen (BMFO) langfristige kinematische Anpassungen bei Patientinnen und Patienten mit patellofemoralem Schmerzsyndrom bewirken, während kurzfristige Effekte ausbleiben. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung zeitabhängiger Adaptationsprozesse bei der Anwendung individuell gefertigter Fußorthesen und sprechen für unterschiedliche Wirkmechanismen von SMFO und BMFO.
Ob und in welchem Ausmaß diese kinematischen Veränderungen langfristig zur Schmerzreduktion und funktionellen Verbesserung beitragen, bedarf weiterer Forschung.
Eine Aufarbeitung der Literatur in einem systematischen Literaturreview wird augenblicklich durch den Beratungsausschuss durchgeführt und soll noch in diesem Jahr veröffentlicht werden.
Nach Durchsicht und Diskussion der durch den Beratungsausschuss 2016 veröffentlichten Stellungnahme sowie der Sichtung und Diskussion der aktuellen Literatur zu SMFO, insbesondere auch im Vergleich mit stützend/bettenden Einlagen (BMFO), die oft in Schalenform gearbeitet sind, kommt der Beratungsausschuss der DGOOC für die Orthopädieschuhtechnik zu folgender Schlussfolgerung: Der Beratungsausschuss der DGOOC für die Orthopädieschuhtechnik kommt zu dem Ergebnis, dass es sich bei sensomotorischen Fußorthesen um eine Modifikation einer bekannten Methode handelt. Das grundlegende Wirkprinzip unterscheidet sich nicht, jedoch scheint die gezielte Positionierung sensomotorischer Elemente neurophysiologische Effekte zu entfalten und kann im Rahmen eines neurophysiologisch orientierten Behandlungskonzeptes (analog Physiotherapie) genutzt werden.
Der Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik (BIV-OT) teilt nach gegenwärtigem Kenntnisstand die fachliche Einschätzung des Beratungsausschusses der DGOOC, wonach sensomotorische Elemente einem in der Einlagenversorgung bekannten Wirkprinzip unterfallen und keine grundlegend neue therapeutische Methode darstellen. Aus Sicht des Verbandes darf das Urteil des BSG aus Juni 2025 nicht dazu führen, dass notwendige Versorgungen – insbesondere bei Kindern – faktisch aus dem Leistungsgeschehen der gesetzlichen Krankenversicherung herausfallen. Die Kosten einer medizinisch begründeten Einlagenversorgung dürfen nicht auf Versicherte und ihre Familien verlagert werden.
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