Focus-CP/Re­ha­kind-Kon­gress for­dert Tem­po und Tatkraft

Unter dem Leitmotiv „Evidenz – Individualität – Praxis“ diskutierten beim Focus-CP/Rehakind-Kongress Fachleute aktuelle Herausforderungen in Medizin, Therapie, Pflege, Technik und Wissenschaft.

„Wel­ches Nar­ra­tiv wäh­le ich für mein Leben?“ Für Janis McDa­vid ver­än­der­te die Ant­wort auf die­se alles. Statt sich wei­ter­hin dafür zu schä­men, dass er ohne Arme und Bei­ne gebo­ren wur­de, und sei­nen Kampf, „nor­mal“ zu sein, ewig fort­zu­füh­ren, erkann­te er in jun­gen Jah­ren, dass er Hand­lungs­op­tio­nen hat.

Heu­te ist McDa­vid Key­note­spea­k­er, Autor, Schwim­mer, Welt­ent­de­cker, Tech­no­lo­gie- sowie Diver­si­ty-Bot­schaf­ter und – wie bei der Eröff­nungs­ver­an­stal­tung des Fokus-CP/Re­ha­kind-Kon­gres­ses in Dort­mund deut­lich wur­de – eine Inspi­ra­ti­on für jeden Ein­zel­nen und die Gesell­schaft als Gan­zes. „Ich wün­sche mir, dass wir ande­re Nar­ra­ti­ve fin­den“, plä­dier­te der 35-Jäh­ri­ge für ein Umden­ken. Sein Auf­stieg auf den Kili­man­dscha­ro – im Ruck­sack auf dem Rücken sei­ner Freun­de – kön­ne als Geschich­te eines „Hel­den“ erzählt wer­den – oder auch als eine „ech­ter Freund­schaft“. Für ihn ist die­se Akti­on ein Beweis dafür, was erreicht wer­den kann, wenn man sich zusam­men­tut und ein gemein­sa­mes Ziel vor Augen hat. „Mei­ne Visi­on ist es, dass wir in einer Welt leben, in der wir sein kön­nen, wie wir sind.“

Anfang Febru­ar zog es zahl­rei­che Besu­che­rin­nen und Besu­cher in die Dort­mun­der West­fa­len­hal­len. Hier dreh­te sich alles um die Ver­sor­gung, Teil­ha­be und Lebens­rea­li­tät von Kin­dern und Jugend­li­chen mit Behin­de­run­gen sowie ihrer Fami­li­en. Von Roll­stüh­len und Geh­hil­fen über Bet­ten und Auto­sit­ze bis hin zu Ein­la­gen und Orthe­sen prä­sen­tier­ten mehr als 70 Aus­stel­ler ihre aktu­el­len Ver­sor­gungs­lö­sun­gen sowie Dienst­leis­tun­gen und Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te. Mit wis­sen­schaft­li­chen Vor­trä­gen, pra­xis­na­hen Work­shops und Dis­kus­si­ons­for­ma­ten war­te­te der Kon­gress auf. Unter dem Leit­mo­tiv „Evi­denz – Indi­vi­dua­li­tät – Pra­xis“ dis­ku­tier­ten Fach­leu­te aktu­el­le Her­aus­for­de­run­gen in Medi­zin, The­ra­pie, Pfle­ge, Tech­nik und Wis­sen­schaft. Im Zen­trum stand dabei immer fol­gen­de Fra­ge: Wie kann eine indi­vi­du­el­le, all­tags­na­he Ver­sor­gung von Kin­dern und Jugend­li­chen mit Behin­de­rung gelin­gen? In den Dia­log dazu tra­ten auch die Kon­gress­prä­si­den­ten Dr. Car­men Lech­leuth­ner und Prof. Vol­ker Mall mit Poli­ti­kern, Medi­zi­nern und Betrof­fe­nen bei der Eröff­nungs­ver­an­stal­tung. Die schwarz-gel­ben Snea­k­er von Prof. Flo­ri­an Hei­nen, LMU Kli­ni­kum, wur­den dabei zum sym­bol­träch­ti­gen Star­gast: „Wenn jemand aus Mün­chen mit BVB-Schu­hen hier ist – das ist Inklu­si­on“, scherz­te Jür­gen Dusel, Beauf­trag­ter der Bun­des­re­gie­rung für die Belan­ge von Men­schen mit Behin­de­run­gen. Was auf der Büh­ne – im Klei­nen wie im Gro­ßen – als selbst­ver­ständ­lich gelebt wur­de, ist in der Gesell­schaft jedoch längst nicht ange­kom­men. „Wich­tig ist, dass uns klar wird, dass Teil­ha­be an der Gesell­schaft kein Akt der Für­sor­ge oder Nächs­ten­lie­be ist, son­dern ein Men­schen­recht“, beton­te Dusel. Die­ses gel­te es zu ver­tei­di­gen, ins­be­son­de­re gegen die Stim­men, die der­zeit im Land lau­ter würden.

Dr. Car­men Lech­leuth­ner bezeich­ne­te die Debat­te um Inklu­si­on als oft­mals „lee­re Wort­hül­se“. Seit Jah­ren wür­den Ver­spre­chen wie­der­holt – doch ech­te Ent­las­tun­gen für Betrof­fe­ne und ihre Fami­li­en blie­ben aus. Büro­kra­tie­ab­bau? Fehl­an­zei­ge. Fach­li­che Exper­ti­se sei vor­han­den, doch sie errei­che die Betrof­fe­nen oft zu spät oder gar nicht. Ihr schwerst­mehr­fach behin­der­ter Sohn muss­te fünf Jah­re auf einen elek­tri­schen Roll­stuhl war­ten. „Die Mit­tel müs­sen in die Ver­sor­gung und nicht in Büro­kra­tie flie­ßen“, for­der­te sie.

Geset­zes­än­de­rung beschleu­nigt Versorgung

„Vor drei Jah­ren haben wir Ihnen, Herr Dusel, einen Auf­trag mit­ge­ge­ben“, blick­te Prof. Vol­ker Mall auf die ver­gan­ge­ne Aus­ga­be des Focus-CP/Re­ha­kind-Kon­gres­ses zurück. Und dem kam er nach. Dusel berich­te­te, er habe sei­nem Ärger auf Bun­des­ebe­ne Luft gemacht und in dem dama­li­gen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Dr. Karl Lau­ter­bach einen Ver­bün­de­ten gefun­den: Trotz Ampel-Aus konn­te Anfang 2025 so auf den letz­ten Metern die von Reha­kind und dem „Akti­ons­bünd­nis für bedarfs­ge­rech­te Heil- und Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung“ lang gefor­der­te Geset­zes­än­de­rung des §33 Absatz 5c SGB V erwirkt wer­den. Die­se ermög­licht, dass Men­schen mit Behin­de­rung, die regel­mä­ßig in einem SPZ oder MZEB behan­delt wer­den, künf­tig schnel­ler und unbü­ro­kra­ti­scher mit Hilfs­mit­teln ver­sorgt wer­den – ohne vor­he­ri­ge Prü­fung durch Kran­ken­kas­sen oder den Medi­zi­ni­schen Dienst (MD). „Wir haben das The­ma in Ter­ri­er­men­ta­li­tät auf­ge­ar­bei­tet und unzäh­li­ge Klin­ken geputzt“, beton­te Dr. Mona Drees­mann, SPZ Pots­dam, als eine der betei­lig­ten Akti­vis­ten. Das Podi­um ver­buch­te die Geset­zes­än­de­rung als gro­ßen Erfolg, merk­te aber auch an, dass es an der Umset­zung aktu­ell noch hapert.

Ein­fach ist anders

Eines der wirk­sams­ten Werk­zeu­ge für eine Ver­bes­se­rung der Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on ist Wis­sen. Und die­ses wur­de von zahl­rei­chen Exper­ten im Rah­men des Kon­gres­ses zu Ver­fü­gung gestellt. Dabei wur­de immer wie­der deut­lich, wie wich­tig der inter­pro­fes­sio­nel­le Aus­tausch in der Rea­li­tät ist – oder wo sein Feh­len den Ver­sor­gun­g­er­folg gefährdet.

„Eigent­lich woll­te ich die­ses The­ma nur für mei­nen Vor­trag wäh­len, dass es nun der Titel einer gan­zen Ses­si­on wur­de, rührt mich“, begann Phy­sio­the­ra­peut Ste­fan Stein­e­bach sei­nen Bei­trag zu „Ein­fach ist anders“, in dem es inhalt­lich einer­seits um die Hür­den, Fall­stri­cke und manch­mal auch um den büro­kra­ti­schen Wahn­sinn in der inter­dis­zi­pli­nä­ren Ver­sor­gung ging und ande­rer­seits um die gute und geleb­te Pra­xis, wie es funk­tio­nie­ren kann. Aus die­sem Grund kamen auch (fast) alle an der Ver­sor­gung betei­lig­ten Per­so­nen­grup­pen zu Wort. Kon­gress­prä­si­den­tin Lech­leuth­ner bei­spiels­wei­se eröff­ne­te die Ses­si­on, die trotz der frü­hen Uhr­zeit am Frei­tag­mor­gen um 7 Uhr sehr gut gefüllt war, mit einem Ein­blick in ihre Erfah­run­gen als Mut­ter. Sie beschrieb das Cha­os, das Eltern immer wie­der erwar­ten wür­de, im Rah­men der Ver­sor­gung. Vie­le Ärz­te, Tech­ni­ker und The­ra­peu­ten kom­men immer wie­der zu ande­ren Schlüs­sen und spre­chen – teil­wei­se wider­sprüch­li­che – Rat­schlä­ge oder Behand­lungs­emp­feh­lun­gen aus. Für die Eltern blei­be nur ein Weg, so Lech­leuth­ner: Sie müs­sen Exper­ten im Sin­ne ihrer Kin­der wer­den. Das bedeu­tet, dass sich die Eltern nicht nur auf die Optio­nen ver­las­sen, die ihnen ange­bo­ten wer­den, son­dern sich dar­über hin­aus infor­mie­ren müs­sen und am Ende das berühm­te „Bauch­ge­fühl“ ent­schei­det. Stein­e­bach setz­te an die­ser Stel­le an und bekräf­tig­te: „Ich will ein Bera­ter sein.“ Er unter­strich, dass sein All­tag davon geprägt ist, dass die Eltern mit Hil­fe der bes­ten Bera­tung die Ent­schei­dun­gen über­neh­men müs­sen. Natür­lich sei die Kom­pe­tenz der Fach­pro­fes­sio­nen wich­tig, aber noch wich­ti­ger sei die Pra­xis, die am Ende dar­über ent­schei­det, wel­ches Hilfs­mit­tel die bes­te Wahl im kom­plet­ten Ver­sor­gungs­pro­zess ist. An die­ser Stel­le wur­de nicht mit mah­nen­den Wor­ten in Rich­tung Kos­ten­trä­ger gespart, denen das Ver­ständ­nis häu­fig dafür feh­le, wie umfang­reich die Suche nach dem rich­ti­gen Hilfs­mit­tel sei. Ein posi­ti­ves Bei­spiel, wie gute Zusam­men­ar­beit zwi­schen den Pro­fes­sio­nen funk­tio­niert, zeig­te die gemein­sa­me Sprech­stun­de von Prof. Albert Fujak und Ortho­pä­die­tech­ni­ker Joshua Kret­schmer (Orfo) an der Uni­ver­si­täts­kli­nik Erlan­gen. Durch das Mit­ein­an­der haben die bei­den Pro­fes­sio­nen nicht nur die­sel­be Daten­grund­la­ge, son­dern kön­nen sich so auch abspre­chen, wie sie zu einer Ver­sor­gungs­lö­sung kommen.

Ver­gü­tungs­un­ter­schie­de abschaffen

An einem fik­ti­ven Bei­spiel eines Naben­an­triebs für einen Roll­stuhl skiz­zier­te Moritz Her­de, Geschäfts­füh­rer bei Orfo, wie unter­schied­lich die Ver­gü­tung für ein und die­sel­be Ver­sor­gung ist – abhän­gig vom mit der Kas­se geschlos­se­nen Ver­trag. Her­de brach­te auf den Punkt, was schon häu­fig dis­ku­tiert wur­de. Bei der Preis­ge­stal­tung müs­se regio­na­len Unter­schie­den Rech­nung getra­gen wer­den, aller­dings kann es aus Sicht des Unter­neh­mers nicht sein, dass sich die gezahl­te Ver­gü­tung für die glei­che Leis­tung je nach Kas­se teil­wei­se um vier­stel­li­ge Sum­men unter­schei­det. Des­halb for­der­te er weni­ger büro­kra­ti­sche Hür­den und mehr die unter­neh­me­ri­sche Pra­xis im Blick zu haben.

Pia Engel­brecht und Hei­ko Cordes

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