Wie bereit ist Deutsch­land für E‑Health?

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens soll – so zumindest der Plan von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und auch seines Vorgängers Jens Spahn – mit großen Schritten und vor allem zügig voran gehen. Doch zwischen politischem Willen, Datenschutz und praktischer Umsetzung in Arztpraxis, Apotheke oder Sanitätshaus verliert dieses zukunftsweisende Projekt immer wieder die Dynamik.

Statt­des­sen wird an vie­len Fron­ten über Deu­tungs­ho­heit gestrit­ten und es wer­den natür­lich auch wirt­schaft­li­che Inter­es­sen ver­folgt. Ste­phan Pil­sin­ger (CSU) sitzt im Deut­schen Bun­des­tag und ist zeit­gleich – in einer Neben­tä­tig­keit – wei­ter­hin als Haus­arzt tätig. Er erfährt also ganz direkt wel­che Aus­wir­kun­gen sei­ne Ent­schei­dun­gen im Ber­li­ner Ple­nar­saal für sei­ne Patient:innen haben.

Anzei­ge

OT: Herr Pil­sin­ger, die Coro­na-Pan­de­mie hat die Leis­tungs­fä­hig­keit des deut­schen Gesund­heits­sys­tems auf die Pro­be gestellt. Wie sieht Ihr Zwi­schen­fa­zit aus – wie haben sich Ver­sor­ger und Politiker:innen in die­ser Zeit geschlagen?

Ste­phan Pil­sin­ger: Alles in allem haben wir die Pan­de­mie bis­lang gut gemeis­tert, den­ke ich. Ärz­te und Zahn­ärz­te, Kli­nik­per­so­nal, Pfle­ge­kräf­te, Medi­zi­ni­sche Fach­an­ge­stell­te in den Pra­xen, Apo­the­ker und die wei­te­ren in der Ver­sor­gung Täti­gen haben oft Tag und Nacht und auch am Wochen­en­de bis zur Erschöp­fung dafür gear­bei­tet, dass infi­zier­te Pati­en­ten schnell und best­mög­lich behan­delt wer­den und dass wir so wenig Todes­fäl­le haben, wie das in den Hoch­zei­ten der Pan­de­mie mög­lich war. Dafür gebührt dem gesam­ten Per­so­nal im Gesund­heits­sek­tor wei­ter­hin unser tie­fer Dank. Coro­na hat aber auch bestehen­de Defi­zi­te im Gesund­heits­sys­tem scho­nungs­los offen­ge­legt: Genannt sei­en hier vor allem der Fach­kräf­te­man­gel im ärzt­li­chen und pfle­ge­ri­schen Bereich, die in Pan­de­mie­zei­ten nicht immer aus­rei­chen­de Zahl an Inten­siv­bet­ten in den Kran­ken­häu­sern, aber auch die rück­stän­di­ge bis teils nicht vor­han­de­ne Digi­ta­li­sie­rung im deut­schen Gesundheitswesen.

OT: Trotz der Her­aus­for­de­run­gen muss man fest­stel­len, dass die Zeit natür­lich nicht ste­hen bleibt und ande­re, bereits ange­sto­ße­ne Pro­jek­te, wie zum Bei­spiel die Digi­ta­li­sie­rung des Gesund­heits­we­sens, par­al­lel zur Pan­de­mie wei­ter­lau­fen. Jüngst wur­de der E‑Re­zept-Roll­out aus Grün­den des Daten­schut­zes gestoppt. Wie bewer­ten Sie den Ent­wick­lungs­stand des deut­schen Gesund­heits­we­sens in Sachen Digitalisierung?

Pil­sin­ger: Es ist frus­trie­rend, wie weit Deutsch­land in Sachen Digi­ta­li­sie­rung des Gesund­heits­we­sens – auch im inter­na­tio­na­len Ver­gleich – im Rück­stand ist. Nicht, weil uns – den Ver­sor­gern und den IT-Dienst­leis­tern – die Ideen und Lösun­gen feh­len, wie man eine smar­te digi­ta­le Gesund­heits­ver­sor­gung auf­bau­en könn­te. Son­dern weil wir uns durch daten­schutz­recht­li­che Beden­ken, durch über­höh­te Regu­lie­rung und durch einen über­zo­ge­nen, in der Sache kon­tra­pro­duk­ti­ven Anspruch an Per­fek­tio­nis­mus selbst läh­men. Lei­der sind es sehr oft gera­de daten­schutz­recht­li­che Ein­wän­de, aktu­ell ins­be­son­de­re des Daten­schutz­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung, die den Ver­sor­gern und den Pati­en­ten völ­lig unnö­tig ein schlech­tes Gewis­sen machen und jeg­li­che Ent­wick­lung im Keim ersti­cken. Wir müs­sen ein Umden­ken in den Köp­fen der deut­schen Bevöl­ke­rung und Ent­schei­dungs­trä­ger bewir­ken: Digi­ta­li­sie­rung scha­det uns nicht, sie erleich­tert uns allen den All­tag und sie opti­miert Anwen­dun­gen und Ver­sor­gung im Sin­ne der Gesund­heit der Bevöl­ke­rung. Natür­lich in dem dafür geeig­ne­ten Rechts­rah­men, um schwar­ze Scha­fe außen vor zu halten.

Est­land min­des­tens ein Jahr­zehnt voraus

OT: Als Mus­ter­land für Digi­ta­li­sie­rung wird häu­fig Est­land genannt. Was kann man sich vom Spit­zen­rei­ter in Sachen Digi­tal-Health-Index abschau­en und wel­che Erfolgs­fak­to­ren las­sen sich nicht auf Deutsch­land übertragen?

Pil­sin­ger: 2018 habe ich zum The­ma Digi­ta­li­sie­rung eine Dienst­rei­se nach Est­land unter­nom­men. Die Esten waren 2018 schon so weit, wie wir es viel­leicht 2028 sein wer­den. Das hat vor allem mit den deut­lich nied­ri­ge­ren Hür­den hin­sicht­lich des Daten­schut­zes zu tun. Eine zen­tra­le Rol­le im est­ni­schen Gesund­heits­sys­tem spielt das Netz­werk ENHIS, das lan­des­weit aus­ge­baut ist und in dem fast die gesam­te Kran­ken­ge­schich­te der Bevöl­ke­rung von der Geburt bis zum Tod regis­triert ist. Alle Ärz­te, Kran­ken­häu­ser und Apo­the­ken sind dar­an ange­schlos­sen und haben poten­zi­ell Zugriff auf die­se Daten, wenn der jewei­li­ge Pati­ent ihnen dies grund­sätz­lich erlaubt hat. Das wäre hier in Deutsch­land so undenk­bar. Undenk­bar sicher­lich des­we­gen, weil in Deutsch­land jahr­zehn­te­al­te Struk­tu­ren gewach­sen sind, von denen sich das Gesund­heits­sys­tem schwer tren­nen kann. Est­land hat nach Staats­grün­dung in den 1990er- und 2000er-Jah­ren von Null auf ein effi­zi­en­tes und moder­nes Gesund­heits­sys­tem auf­ge­baut, bei dem digi­ta­le Ele­men­te wesent­li­che Stütz­pfei­ler sind. Manch­mal ist es leich­ter, ein neu­es Haus zu bau­en als ein altes zu reno­vie­ren. Das spü­ren wir im alten ana­lo­gen Haus Deutsch­land sehr stark, fin­de ich.

OT: Wie lässt sich eine erfolg­rei­che Digi­ta­li­sie­rung über­haupt definieren?

Pil­sin­ger: Eine erfolg­rei­che Digi­ta­li­sie­rung ist für mich ein Zustand, in dem den Leis­tungs­er­brin­gern im All­tag ein höchst­mög­li­ches Maß an Ver­net­zung zur Hand gege­ben wird und in dem sie so viel Ent­las­tung an Doku­men­ta­ti­on erfah­ren, wie es der Qua­li­tät nicht scha­det. Auf der ande­ren Sei­te ist Digi­ta­li­sie­rung für die Leis­tungs­neh­mer, also die Pati­en­ten, dann erfolg­reich, wenn sie schnell und erfolg­reich an medi­zi­ni­sche Leis­tun­gen kom­men und wenn ihre Daten von den Leis­tungs­er­brin­gern kom­pli­ka­ti­ons­los im Sin­ne einer in sich abge­stimm­ten, qua­li­täts­ori­en­tier­ten The­ra­pie ver­wen­det werden.

OT: Sie sind sowohl Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter als auch Arzt. Sie haben also den direk­ten Draht zu den Patient:innen. Wie E‑He­alth-rea­dy ist aus Ihrer Sicht die deut­sche Gesellschaft?

Pil­sin­ger: Es ist nicht so, dass die deut­sche Gesell­schaft per se nicht dazu bereit wäre. In vie­len ande­ren Berei­chen funk­tio­niert es auch. Aber beson­ders beim The­ma Gesund­heits­da­ten las­sen wir uns von Daten­schüt­zern und von der ins­ge­samt viel zu nega­ti­ven Bericht­erstat­tung der Medi­en zu sehr ver­un­si­chern. Klar soll es den total „glä­ser­nen Pati­en­ten“ so nicht geben, aber auch nicht wei­ter­hin den ana­lo­gen Pati­en­ten der 1980er-Jah­re, der von der Arzt­ak­te über das Rezept bis hin zur Arbeits­un­fä­hig­keits­be­schei­ni­gung als rei­ner Papier­akt geführt wird. Wir müs­sen viel­mehr die Chan­cen der Ver­net­zung und der abge­stimm­ten The­ra­pie auch unter­schied­li­cher Fach­rich­tun­gen sehen, als die Miss­brauchs­ri­si­ken durch schwar­ze Scha­fe, die es lei­der wohl immer geben wird.

OT: Was glau­ben Sie sind die Erwar­tun­gen an die Digi­ta­li­sie­rung von Patient:innen? Bequem­lich­keit, Effi­zi­enz, Daten­ho­heit, Mobi­li­tät – oder doch etwas ganz anderes?

Pil­sin­ger: Wenn wir zum Bei­spiel das E‑Rezept neh­men oder die eAU (elek­tro­ni­sche Arbeits­un­fä­hig­keits­be­schei­ni­gung, Anm. d. Red.), dann geht es dem Pati­en­ten dar­um, von Papier­kram ent­las­tet zu wer­den und mit weni­gen Klicks in der App „den gan­zen Kram“ erle­digt zu haben. Also Effi­zi­enz. Wenn wir die Men­schen im Land noch mehr über die Mög­lich­kei­ten einer durch­dach­ten elek­tro­ni­schen Pati­en­ten­ak­te auf­klä­ren, mit der ja das indi­vi­du­el­le Krank­heits­bild des Ein­zel­nen zu sei­nem Vor­teil erfasst wer­den soll, dann wird das Bewusst­sein für die ePA (elek­tro­ni­sche Pati­en­ten­ak­te, Anm. d. Red.) in der Bevöl­ke­rung noch deut­lich stei­gen. Schluss­end­lich geht es immer um das Patientenwohl.

Qua­li­täts­stan­dards müs­sen bleiben

OT: Im Bereich der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung gab es bereits den Vor­stoß Ein­la­gen auf Rezept über einen Online-Shop zu ver­trei­ben. Auch bei Ban­da­gen ste­hen Anbie­ter in den Start­lö­chern und war­ten dar­auf, dass die Rah­men­be­din­gun­gen dem­entspre­chend ange­passt wer­den. Ist das „digi­ta­le“ Gesundheitsversorgung?

Pil­sin­ger: Wenn dabei die bewähr­ten Qua­li­täts­stan­dards nach dem Hilfs­mit­tel­ver­zeich­nis, die ja auf Basis der Emp­feh­lun­gen der ärzt­li­chen Fach­ge­sell­schaf­ten erlas­sen wur­den, ein­ge­hal­ten wer­den, ja. Wich­tig ist für mich immer, dass die Qua­li­tät nicht lei­det, son­dern min­des­tens im bekann­ten Maße bei­be­hal­ten wird. Die­se Qua­li­tät gewähr­leis­ten im ortho­pä­di­schen Bereich vor allem unse­re mit­tel­stän­di­schen Hand­werks­be­trie­be. Die müs­sen bei sol­chen digi­ta­len Ange­bo­ten zum Zug kom­men. Hier müs­sen wir Leit­plan­ken ein­bau­en, damit die Auf­trä­ge nicht an unbe­kann­te Bil­lig­an­bie­ter ins Aus­land gehen, deren Hilfs­mit­tel dem Pati­en­ten viel­leicht eher scha­den als helfen.

OT: Glau­ben Sie, dass das – durch die Coro­na-Pan­de­mie noch­mals befeu­er­te – digi­ta­li­sier­te Kon­sum­ver­hal­ten der Men­schen die Gesund­heits­ver­sor­gung ver­än­dert oder soll­te das Bewusst­sein der Patient:innen noch ein­mal dafür geschärft wer­den, dass admi­nis­tra­ti­ve Auf­ga­ben durch­aus digi­tal funk­tio­nie­ren, eine Ver­sor­gung durch den Fach­mann oder die Fach­frau nur per­sön­lich mög­lich ist?

Pil­sin­ger: Im ortho­pä­di­schen Bereich ist sicher­lich der Vor-Ort-Ter­min bes­ser, wenn es um die indi­vi­du­el­le Anpas­sung z. B. von Ein­la­gen geht. Aber auch hier kön­nen wir uns admi­nis­tra­ti­ven Auf­wand spa­ren, indem wir die Ver­ord­nung digi­tal ein­rei­chen und der Pati­ent dann nur noch zum Anpas­sen in das ortho­pä­di­sche Fach­ge­schäft kom­men muss. Ver­schickt wer­den kön­nen die Ein­la­gen dann ja per Post.

OT: Ein ande­res Schlag­wort, das bei Digi­ta­li­sie­rung immer mit­schwingt, ist der Büro­kra­tie­ab­bau. Wie beur­tei­len Sie die Chan­cen des Abbaus des berühm­ten „Papier­krams“ durch die Digitalisierung?

Pil­sin­ger: Hier ist das Ent­las­tungs­po­ten­ti­al klar am höchs­ten. Es ist ja nicht das Papier an sich, das für die Pati­en­ten läs­tig ist, son­dern der Auf­wand, das Papier an die rich­ti­gen Stel­len zu brin­gen: zum Fach­arzt, zur Apo­the­ke oder zur Kran­ken­kas­se. Ande­rer­seits wer­den die Ärz­te und ihre medi­zi­ni­schen Fach­an­ge­stell­ten jeden Tag mehr­fach ent­las­tet, wenn Berich­te und Doku­men­ta­tio­nen nicht alle schrift­lich in Drei­fach­aus­fer­ti­gung erstellt wer­den müs­sen, son­dern als elek­tro­ni­sche Datei auch schnell mal digi­tal kopiert oder z. B. vom Pra­xis­ver­wal­tungs­sys­tem in die ePA über­tra­gen wer­den kön­nen. Das spart in den Pra­xen und Kran­ken­häu­sern allen Akteu­ren viel Ärger und Zeit, die sie sinn­vol­ler­wei­se bes­ser am Pati­en­ten ein­set­zen können.

OT: Wo sehen Sie die Bun­des­re­gie­rung in der Pflicht mehr zu tun, um Büro­kra­tie­ab­bau zu ermöglichen?

Pil­sin­ger: Wäh­rend Jens Spahn die Digi­ta­li­sie­rung trotz der Coro­na-Pan­de­mie mit Voll­gas vor­an­ge­bracht hat, kün­digt der heu­ti­ge Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Lau­ter­bach bis­lang nur an, wel­che groß­ar­ti­gen Pro­jek­te und Visio­nen er vor­an­brin­gen will. Die wer­den dann ent­we­der nicht umge­setzt oder Pilot­pro­jek­te zer­plat­zen wie Sei­fen­bla­sen, sie­he das vor Kur­zem wie­der ein­ge­stell­te E‑Re­zept-Pro­jekt der KV West­fa­len-Lip­pe. Das ist frus­trie­rend. Lau­ter­bach fehlt auch bei die­sem Zukunfts­the­ma jeg­li­che Füh­rungs­kraft. Er lässt das alles vor sich hin­plät­schern statt auch ein­mal ein Macht­wort zu spre­chen, wo es nötig wäre. So kom­men wir kei­nen Meter bzw. kei­nen Mega­bit voran.

OT: Zum Abschluss noch ein­mal eine Fra­ge an den Haus­arzt Dr. Pil­sin­ger: Wie vie­le Patient:innen von Ihnen ver­fü­gen über die elek­tro­ni­sche Pati­en­ten­ak­te und wie inten­siv wird die­se genutzt?

Pil­sin­ger: Gute Fra­ge. Mei­ne Ant­wort wird Ihnen den drin­gen­den Hand­lungs­be­darf bzgl. der ePA auf­zei­gen: Mei­nes Wis­sens hat kei­ner mei­ner Pati­en­ten eine ePA. Das liegt einer­seits dar­an, dass ich in einer Land­arzt­pra­xis arbei­te, wo ein Breit­band­emp­fang noch kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit ist. Zum ande­ren aber an dem Schne­cken­tem­po, das die Bun­des­re­gie­rung hier vor­kriecht. Wenigs­tens hat Lau­ter­bach kürz­lich die Opt-Out-Lösung für die ePA ange­kün­digt – wohl­ge­merkt ange­kün­digt… Das unter­stüt­ze ich inhalt­lich. Sonst kom­men wir hier nie wirk­lich voran.

Die Fra­gen stell­te Hei­ko Cordes.

 

 

 

 

Tei­len Sie die­sen Inhalt