Emp­feh­lun­gen und Neue­run­gen aus der S2k-Leit­li­nie „Medi­zi­ni­sche Kom­pres­si­ons­the­ra­pie der Extre­mi­tä­ten“ aus dem Jahr 2019

M. Stücker
Die S2k-Leitlinie „Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten“ beschreibt die Einsatzmöglichkeiten medizinischer Kompressionsstrümpfe, Kompressionsbandagen und medizinischer adaptiver Kompressionssysteme. In dieser Zusammenfassung werden besonders wichtige Teilaspekte der neuen Leitlinie hervorgehoben: Flachstrickstrümpfe werden z. B. bei schwerer chronischer Veneninsuffizienz, ausgeprägten Lymph- und Lipödemen und adipösen Patienten eingesetzt. Entscheidend für die Wahl einer Flachstrickversorgung ist nicht die Diagnose, sondern vor allem große Umfangsveränderungen und/oder vertiefte Gewebefalten im Bereich der zu versorgenden Extremität. Beim Ulcus cruris venosum werden in der Entstauungsphase insbesondere mehrlagig angelegte Kompressionsbinden und Mehrkomponentensysteme verwendet. Nach der Entstauung sollte geprüft werden, ob Ulcus-Kompressionsstrumpfsysteme eingesetzt werden können. Bei der Wahl der Kompressionsklasse sollte häufiger als bisher der Einsatz der Kompressionsklasse I in Betracht gezogen werden, da bei dieser Kompressionsklasse die Effekte häufig ausreichen, die Adhärenz der Patienten jedoch besser ist als bei höheren Kompressionsklassen. Der Einsatz von Kompressionsstrümpfen ist häufig aufgrund altersbedingter Kraftminderungen ohne An- und Ausziehhilfen nicht möglich. Mit großer Regelmäßigkeit ist eine optimierte Hautpflege beim Einsatz von Kompressionsstrümpfen erforderlich. Grundsätzlich soll die Kompressionstherapie eine Besserung der Symptome und eine Verbesserung der Lebensqualität der Patienten bewirken. Dies ist durch eine geeignete Auswahl der Kompressionsklasse, der Länge des Kompressionsstrumpfes und der Stiffness zu gewährleisten. Bei Thrombosen sollte sofort mit einer Kompressionstherapie begonnen werden, bei geschwollenen Extremitäten primär mit Kompressionsbandagen, nach Abklingen der Schwellungen mit Kompressionsstrümpfen. Kompressionsstrümpfe sollten nach Thrombosen mindestens 6 Monate lang getragen werden, danach beschwerdeadaptiert.

Ein­lei­tung

Unter Feder­füh­rung der Deut­schen Gesell­schaft für Phle­bo­lo­gie wur­de die Leit­li­nie „Medi­zi­ni­sche Kom­pres­si­ons­the­ra­pie der Extre­mi­tä­ten mit Medi­zi­ni­schem Kom­pres­si­ons­strumpf (MKS), Phle­bo­lo­gi­schem Kom­pres­si­ons­ver­band (PKV) und Medi­zi­ni­schen adap­ti­ven Kom­pres­si­ons­sys­te­men (MAK)“ im Jahr 2019 auf der Inter­net­sei­te der AWMF online publi­ziert 1. Außer der DGP waren die der­ma­to­lo­gi­schen und gefäß­me­di­zi­ni­schen Fach­ge­sell­schaf­ten Deutsch­lands an die­ser Leit­li­nie betei­ligt. Bemer­kens­wert ist, dass am Autoren­team nicht nur Ärz­te, son­dern auch Pfle­ge­kräf­te betei­ligt waren, sodass es sich um eine inter­dis­zi­pli­nä­re und inter­pro­fes­sio­nel­le Autoren­grup­pe handelt.

For­men der in der Leit­li­nie behan­del­ten Kompressionsverfahren

Die Leit­li­nie erfasst erst­mals sowohl die The­ra­pie mit medi­zi­ni­schen Kom­pres­si­ons­strümp­fen als auch mit phle­bo­lo­gi­schen Kom­pres­si­ons­ver­bän­den, sodass auch dif­fe­ren­ziert zu den Ein­satz­ge­bie­ten der ver­schie­de­nen Kom­pres­si­ons­mit­tel Stel­lung genom­men wer­den kann. Erst­mals in einer Leit­li­nie bespro­chen wer­den die medi­zi­ni­schen adap­ti­ven Kom­pres­si­ons­sys­te­me (Abb. 1). Nicht Inhalt die­ser Leit­li­nie ist die Kom­pres­si­ons­ver­sor­gung mit medi­zi­ni­schen Throm­bo­se­pro­phy­la­xestrümp­fen und die inter­mit­tie­ren­de pneu­ma­ti­sche Kom­pres­si­on, da es hier­für eige­ne Leit­li­ni­en gibt. Zusätz­lich soll­ten die Leit­li­ni­en zum Lymph­ödem, zum Lipö­dem und zur The­ra­pie der Vari­ko­se beach­tet werden.

Ein­satz­be­rei­che der Kompressionstherapie

Sowohl der medi­zi­ni­sche Kom­pres­si­ons­strumpf als auch der Kom­pres­si­ons­ver­band sind in der Behand­lung phle­bo­lo­gi­scher und lym­pho­lo­gi­scher Erkran­kun­gen der Bei­ne und Arme unver­zicht­bar. Die Ein­satz­be­rei­che die­ser bei­den Kom­pres­si­ons­mit­tel unter­schei­den sich je nach der Pha­se der Ödem­the­ra­pie: In der Ent­stau­ungs­pha­se wer­den übli­cher­wei­se Kom­pres­si­ons­ver­bän­de mit Kom­pres­si­ons­ban­da­gen oder Ban­da­gen­sys­te­men sowie medi­zi­ni­sche adap­ti­ve Kom­pres­si­ons­sys­te­me ein­ge­setzt. Für die län­ger­fris­ti­ge The­ra­pie- und Erhal­tungs­pha­se wer­den medi­zi­ni­sche Kom­pres­si­ons­strümp­fe oder bei Ulcera crurum veno­sa Ulkus­strumpf­sys­te­me (Abb. 2) ein­ge­setzt. Die Ent­stau­ungs­pha­se soll­te nicht wesent­lich län­ger als 2 bis 4 Wochen andau­ern, um dann in die Pha­se der The­ra­pie mit Kom­pres­si­ons­strümp­fen über­zu­ge­hen. Zur Prä­ven­ti­on von Öde­men, Throm­bo­sen oder Ulkus­re­zi­di­ven soll­ten pri­mär medi­zi­ni­sche Kom­pres­si­ons­strümp­fe genutzt werden.

Wann Flachstrick, wann Rundstrick?

Das Wich­tigs­te zu die­ser Fra­ge zuerst: Befun­de sind ent­schei­den­der als Dia­gno­sen. Eine fes­te Zuord­nung bestimm­ter Dia­gno­sen, die mit Flachstrick­strümp­fen behan­delt wer­den müss­ten, gibt es nach die­ser Leit­li­nie nicht. Flachstrick­strümp­fe (Abb. 3) zeich­nen sich durch fol­gen­de Eigen­schaf­ten aus:

  • Höhe­re Stiff­ness: höhe­res Ver­hält­nis zwi­schen Arbeits­druck und Ruhe­druck. Häu­fig üben die­se Strümp­fe in Ruhe einen nied­ri­gen Druck, bei Bewe­gung einen höhe­ren Druck aus. Hier­durch ent­steht ein Mas­sa­ge­ef­fekt, der ins­be­son­de­re bei stär­ker aus­ge­präg­ten Öde­men oder Gewe­be­ver­här­tun­gen posi­ti­ve Effek­te zeigt. Eine Kate­go­ri­sie­rung, mit der Ver­ord­ner und Anwen­der die Stiff­ness unter­schied­li­cher Kom­pres­si­ons­strümp­fe objek­tiv beur­tei­len kön­nen, steht jedoch außer­halb wis­sen­schaft­li­cher Stu­di­en der­zeit nicht zur Verfügung.
  • Höhe­re Bie­ge­stei­fig­keit: Durch die höhe­re Bie­ge­stei­fig­keit des Flachstrick­ma­te­ri­als rut­schen Flachstrick­strümp­fe weni­ger schnell in Haut­fal­ten, wie sie z. B. bei adi­pö­sen Men­schen oder bei Pati­en­ten mit Lymph­öde­men nicht sel­ten auf­tre­ten. Auf die­se Art und Wei­se kön­nen Schnür­fur­chen ver­min­dert werden.
  • Varia­ble Maschen­zahl: Im Gegen­satz zu Rund­strick­strümp­fen (Abb. 4) kön­nen bei Flachstrick­wa­re Maschen indi­vi­du­ell auf- oder abge­nom­men wer­den, sodass Anpas­sun­gen an außer­ge­wöhn­li­che Bein­um­fän­ge mög­lich sind. Ins­be­son­de­re bei Umfangs­dif­fe­ren­zen von mehr als 1 cm auf 1 cm Bein­län­ge oder bei Ober­schen­kel­um­fän­gen, die zwei­ein­halb­mal grö­ßer als die Fes­sel­um­fän­ge sind, ist regel­mä­ßig eine Flachstrick­ver­sor­gung erforderlich.

Flachstrick­strümp­fe wer­den z. B. bei schwe­rer chro­ni­scher Venen­in­suf­fi­zi­enz, aus­ge­präg­ten Lymph- und Lipö­de­men und adi­pö­sen Pati­en­ten ein­ge­setzt. Ent­schei­den­des Argu­ment für eine Flachstrick­ver­sor­gung ist nicht die Dia­gno­se, son­dern gro­ße Umfangs­än­de­run­gen an einer Extre­mi­tät und ver­tief­te Gewe­be­fal­ten im Bereich der Extremität.

Kom­pres­si­on bei Ulcus cruris

Gera­de beim Ulcus cru­ris veno­sum ist häu­fig vor dem Anpas­sen der Kom­pres­si­ons­strümp­fe eine Ent­stau­ungs­pha­se mit Kom­pres­si­ons­bin­den erfor­der­lich. Hier kön­nen sowohl mehr­la­gig ange­leg­te Kom­pres­si­ons­bin­den als auch Mehr­kom­po­nen­ten­sys­te­me (z. B. Abb. 5) ver­wen­det wer­den. Letz­te­re haben sich ins­be­son­de­re beim Ulcus cru­ris veno­sum bewährt. Dabei kön­nen die Kom­pres­si­ons­ban­da­gen anders als frü­her ange­nom­men durch­aus über Nacht belas­sen wer­den. Dies hat häu­fig beson­ders güns­ti­ge ent­stau­en­de Effek­te. Nach der Ent­stau­ung soll auch bei Pati­en­ten mit Ulcus cru­ris veno­sum die Behand­lung mit medi­zi­ni­schen Kom­pres­si­ons­strümp­fen als Alter­na­ti­ve zum Kom­pres­si­ons­ver­band geprüft wer­den. Die­se star­ke Emp­feh­lung in der Leit­li­nie beinhal­tet, dass man nur aus guten Grün­den lang­fris­tig – das bedeu­tet län­ger als einen Monat – Pati­en­ten mit Ulcus cru­ris veno­sum mit Kom­pres­si­ons­ban­da­gen behan­deln soll. Wenn bei Pati­en­ten mit Ulcus cru­ris veno­sum mit medi­zi­ni­schen Kom­pres­si­ons­strümp­fen behan­delt wird, soll­ten zwei­la­gi­ge Ulcu­s­cr­u­ris-Kom­pres­si­ons­strumpf­sys­te­me ver­wen­det wer­den. Die Zwei­la­gig­keit bie­tet zwei Vorteile:

  • Zum einen kön­nen zwei­la­gi­ge Kom­pres­si­ons­strumpf­sys­te­me auch bei sehr aus­ge­dehn­ten bzw. dick­la­gi­gen Wund­ver­bän­den ein­ge­setzt wer­den, und zwar dadurch, dass der Unter­zieh­strumpf eine gerin­ge Kom­pres­si­on auf­weist und der obe­re Kom­pres­si­ons­strumpf wie über eine Gleit­schie­ne über den Unter­strumpf ange­legt wer­den kann.
  • Zum ande­ren haben zwei­la­gi­ge Ulkus­strumpf­sys­te­me eine höhe­re Stiff­ness, was einen bes­se­ren Mas­sa­ge­ef­fekt bei der häu­fig stark aus­ge­präg­ten Ödem­nei­gung bedeutet.

Kom­pres­si­ons­klas­sen

Prin­zi­pi­ell ist die Stär­ke des Andrucks des Kom­pres­si­ons­strump­fes, d. h. die Kom­pres­si­ons­klas­se, abhän­gig von der Dia­gno­se, der Loka­li­sa­ti­on der Abfluss­stö­rung, dem kli­ni­schen Befund und der Schwe­re der Beschwer­den und Ver­än­de­run­gen (z. B. Schwe­re des Ödems). Die Leit­li­nie hebt her­vor, dass eine star­re Zuord­nung einer Kom­pres­si­ons­klas­se zu einer Dia­gno­se nicht sinn­voll ist. Ziel einer Kom­pres­si­ons­the­ra­pie ist immer die Bes­se­rung des kli­ni­schen Befun­des. Daher gilt: Es soll immer die nied­rigs­te wirk­sa­me Kom­pres­si­ons­klas­se bevor­zugt wer­den. Dies unter­stützt die Adhä­renz mit der Kom­pres­si­ons­the­ra­pie. Wohl weit­ge­hend all­ge­mein bekannt ist, dass alle vier Kom­pres­si­ons­klas­sen ver­ord­nungs- und erstat­tungs­fä­hig sind. Her­vor­zu­he­ben ist fer­ner: Das An- und Aus­zie­hen der medi­zi­ni­schen Kom­pres­si­ons­strümp­fe durch ambu­lan­te Pfle­ge­diens­te ist in allen (!) Kom­pres­si­ons­klas­sen bei Bedarf ver­ord­nungs- und erstat­tungs­fä­hig. Dies gilt expli­zit auch für Kom­pres­si­ons­strümp­fe der Klas­se I.

An- und Ausziehhilfen

Bei ein­ge­schränk­ter Beweg­lich­keit und Pro­ble­men beim An- und Aus­zie­hen der medi­zi­ni­schen Kom­pres­si­ons­strümp­fe soll­ten geeig­ne­te An- und Aus­zieh­hil­fen ver­ord­net wer­den. Wie ande­re Hilfs­mit­tel auch, wird das Arz­nei­mit­tel- oder Ver­bands­bud­get der Ärz­te durch die Ver­ord­nung von An- und Aus­zieh­hil­fen nicht belas­tet. Die Leit­li­nie lis­tet eine gan­ze Rei­he ver­ord­nungs­re­le­van­ter Indi­ka­tio­nen auf:

  • Läh­mun­gen,
  • alters­be­ding­te Kraftminderungen,
  • Arthrose/Rheuma,
  • Adi­po­si­tas per magna,
  • weit­ge­hen­de Wir­bel­säu­len-/Hüft-/Knie­ver­stei­fun­gen,
  • dege­ne­ra­ti­ve Erkran­kun­gen der Hän­de bzw. im Hand­be­reich sowie
  • Fol­gen von Ver­let­zun­gen bzw. Amputationen.

Zu den häu­figs­ten Ursa­chen, die An- und Aus­zieh­hil­fen not­wen­dig machen, gehö­ren die alters­be­ding­ten Kraftminderungen.

Kom­pres­si­ons­ver­bän­de

Die Leit­li­nie macht sehr deut­lich, wie kom­plex die Ver­ord­nung und die sach­ge­rech­te Anla­ge von Kom­pres­si­ons­ver­bän­den sind. Im Ver­gleich zu medi­zi­ni­schen Kom­pres­si­ons­strümp­fen ist bei Kom­pres­si­ons­ban­da­gen ins­be­son­de­re auch der nicht stan­dar­di­sier­te und oft beim Tra­gen nach­las­sen­de Kom­pres­si­ons­druck ein Pro­blem. Kom­pres­si­ons­ver­bän­de kön­nen mit dem Akro­nym „P‑LA-C‑E“ gekenn­zeich­net wer­den (Tab. 1).

Wie bei Kom­pres­si­ons­strümp­fen wird auch für Kom­pres­si­ons­ver­bän­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Latex oder Gum­mi­in­halts­stof­fe sel­ten in Kom­pres­si­ons­bin­den vor­han­den sind. Daher sind sie in der Regel gut ver­träg­lich. All­er­gi­sche Reak­tio­nen als Urti­ka­ria (Sofort­typ­all­er­gie) oder als Kon­takt­ek­zem (Spät­typ­all­er­gie) auf Poly­amid, Elas­than, Baum­wol­le oder Vis­ko­se sind extrem selten.

Medi­zi­ni­sche adap­ti­ve Kompressionssysteme

Wesent­li­ches Ziel der medi­zi­ni­schen adap­ti­ven Kom­pres­si­ons­sys­te­me (Syn­ony­me: Wrap-Sys­te­me, Klett-Ver­bän­de) ist, die Pro­ble­me beim Anle­gen der bis­her zur Ver­fü­gung ste­hen­den Kom­pres­si­ons­mit­tel für den Pati­en­ten indi­vi­du­ell zu mini­mie­ren. Medi­zi­ni­sche adap­ti­ve Kom­pres­si­ons­sys­te­me fin­den ihre Anwen­dung der­zeit in der Ent­stau­ungs­pha­se. In Deutsch­land befin­den sich die­se Sys­te­me der­zeit noch im Hilfs­mit­tel­zu­las­sungs­pro­ze­de­re. Sie haben den Vor­teil eines hohen Arbeits- und nied­ri­gen Ruhe­drucks, also einer hohen Stiff­ness. Durch das Nach­jus­tie­ren der Klett­ver­schlüs­se wird ein Druck­ver­lust, der durch die zuneh­men­de Ent­stau­ung und Mini­mie­rung des Ödems ent­ste­hen könn­te, ver­mie­den. Für die Pati­en­ten ist die Anwen­dung deut­lich ein­fa­cher – ins­be­son­de­re weni­ger zeit­in­ten­siv und weni­ger feh­ler­an­fäl­lig als Kom­pres­si­ons­ban­da­gie­run­gen. Im Gegen­satz zu Kom­pres­si­ons­ban­da­gie­run­gen kön­nen medi­zi­ni­sche adap­ti­ve Kom­pres­si­ons­sys­te­me häu­fi­ger vom Pati­en­ten selbst ange­legt wer­den. Dabei errei­chen die Pati­en­ten in der selbst­stän­di­gen Hand­ha­bung im Gegen­satz zu Kom­pres­si­ons­ban­da­gen mit medi­zi­ni­schen adap­ti­ven Kom­pres­si­ons­sys­te­men repro­du­zier­ba­re Drücke.

Indi­ka­tio­nen für die medi­zi­ni­sche Kompressionstherapie

Die Leit­li­nie erwähnt als Indi­ka­ti­on für die medi­zi­ni­sche Kom­pres­si­ons­the­ra­pie chro­ni­sche Venen­krank­hei­ten, throm­bo­em­bo­li­sche Venen­krank­hei­ten, Öde­me und ande­re Indi­ka­tio­nen wie z. B. Zustand nach Ver­bren­nun­gen und Nar­ben­be­hand­lun­gen. Ganz zu Anfang der Detail­auf­zäh­lung zum Unter­punkt chro­ni­sche Venen­er­kran­kun­gen führt die Leit­li­nie die „Ver­bes­se­rung venö­ser Sym­pto­me“ und die „Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät bei chro­ni­schen Venen­krank­hei­ten“ auf. Das bedeu­tet für alle, die mit der Ver­ord­nung und Anpas­sung von Kom­pres­si­ons­mit­teln betraut sind, dass sub­jek­ti­ve Emp­fin­dun­gen der Pati­en­ten in Bezug auf die Kom­pres­si­ons­the­ra­pie unbe­dingt ernst genom­men wer­den müs­sen. In der Regel soll­te sich der Pati­ent, wenn die Indi­ka­ti­on und die Aus­wahl des Kom­pres­si­ons­mit­tels kor­rekt war, mit Kom­pres­si­ons­mit­tel bes­ser füh­len als ohne. Fühlt sich der Pati­ent mit Kom­pres­si­on schlech­ter als ohne, ist die Art der Kom­pres­si­on zu über­den­ken. Bei Kom­pres­si­ons­strümp­fen kann bspw. die Kom­pres­si­ons­klas­se, die Län­ge des Kom­pres­si­ons­strump­fes und die Stiff­ness vari­iert werden.

Kom­pres­si­on und post­throm­bo­ti­sches Syndrom

Bei der Dia­gno­se einer tie­fen Bein­ve­nen­throm­bo­se soll sofort mit einer Kom­pres­si­ons­the­ra­pie begon­nen wer­den. Ist die Extre­mi­tät zu Beginn der The­ra­pie noch sehr stark geschwol­len, kann eine Pha­se mit Kom­pres­si­ons­ban­da­gen sinn­voll sein, um nach einer Abschwel­lung bzw. Ent­stau­ung rasch auf eine Kom­pres­si­ons­be­strump­fung über­zu­ge­hen. Nach einer tie­fen Bein­ve­nen­throm­bo­se soll­te die Kom­pres­si­ons­the­ra­pie für min­des­tens 6 Mona­te fort­ge­setzt wer­den. Danach soll­te sich die Fort­set­zungs­dau­er der Kom­pres­si­ons­the­ra­pie nach den sub­jek­ti­ven und objek­ti­ven Zei­chen eines post­throm­bo­ti­schen Syn­droms (z. B. Schmer­zen, Schwe­re­ge­fühl, Ödem, Haut­ver­än­de­rung) rich­ten. Wäh­rend frü­her häu­fig rela­tiv sche­ma­tisch eine zwei­jäh­ri­ge oder sogar eine lebens­lan­ge Kom­pres­si­ons­the­ra­pie nach einer Throm­bo­se emp­foh­len wur­de, geht man heu­te nach Ablauf des ers­ten hal­ben Jah­res sehr indi­vi­dua­li­siert und beschwer­de­ori­en­tiert vor. Dies begrün­det sich unter ande­rem dar­in, dass Throm­bo­sen heu­te häu­fig durch die ver­bes­ser­te Dia­gnos­tik mit der moder­nen Duplex­so­no­gra­phie viel frü­her als in frü­he­ren Jah­ren dia­gnos­ti­ziert wer­den und dadurch auch die The­ra­pie frü­her ein­ge­lei­tet wer­den kann. Daher sind die Schä­den am Venen­sys­tem durch eine Throm­bo­se oft­mals sehr gering und zum Teil sono­gra­phisch nach einer Zeit von 6 Mona­ten nicht mehr nachweisbar.

Kon­tra­in­di­ka­tio­nen für die medi­zi­ni­sche Kompressionstherapie

Die neue Leit­li­nie fasst die Kon­tra­in­di­ka­tio­nen viel kla­rer als frü­he­re Leit­li­ni­en. Die Auf­tei­lung in rela­ti­ve und abso­lu­te Kon­tra­in­di­ka­tio­nen ist ent­fal­len und durch eine allei­ni­ge Auf­zäh­lung der Kon­tra­in­di­ka­tio­nen ersetzt wor­den. Dazu gehören:

  • fort­ge­schrit­te­ne peri­phe­re arte­ri­el­le Ver­schluss­krank­heit (pAVK)
  • dekom­pen­sier­te Herz­in­suf­fi­zi­enz (NYHA III und IV)
  • sep­ti­sche Phlebitis
  • Phleg­ma­sia coe­ru­lea dolens

Was bedeu­tet nun „fort­ge­schrit­te­ne“ peri­phe­re arte­ri­el­le Ver­schluss­krank­heit? Die­se ist für Extre­mi­tä­ten zu dia­gnos­ti­zie­ren, bei denen eines der fol­gen­den Kri­te­ri­en gilt:

  • Knö­chel-Arm-Index < 0,5
  • Knö­chel­arte­ri­en­druck < 60 mmHg
  • Zehen­druck < 30 mmHg
  • trans­ku­ta­ner Sau­er­stoff­par­ti­al­druck < 20 mmHg am Fußrücken

Bei Ver­wen­dung unelas­ti­scher Mate­ria­li­en kann eine Kom­pres­si­ons­ver­sor­gung auch noch bei einem Knö­chel­arte­ri­en­druck zwi­schen 50 und 60 mmHg unter eng­ma­schi­ger kli­ni­scher Kon­trol­le ver­sucht werden.

Eine dekom­pen­sier­te Herz­in­suf­fi­zi­enz im Sta­di­um NYHA III liegt bei star­ken Ein­schrän­kun­gen der Belast­bar­keit vor. Die Pati­en­ten haben kei­ne Sym­pto­me in Ruhe, jedoch bereits bei leich­ter Belas­tung. Im Sta­di­um NYHA IV der Herz­in­suf­fi­zi­enz haben die Pati­en­ten eine per­sis­tie­ren­de Sym­pto­ma­tik auch in Ruhe. Eine Faust­re­gel für den kli­ni­schen All­tag lau­tet, dass Pati­en­ten, die noch zwei Eta­gen Trep­pen stei­gen kön­nen und deren Ruhe­puls nicht über 100 liegt, eine Kom­pres­si­ons­the­ra­pie erhal­ten können.

Beson­de­re Risi­ken für die medi­zi­ni­sche Kompressionstherapie

Als beson­de­re Risi­ken der Kom­pres­si­ons­the­ra­pie gelten:

  • aus­ge­präg­te näs­sen­de Dermatosen
  • Unver­träg­lich­keit auf Kompressionsmaterial
  • schwe­re Sen­si­bi­li­täts­stö­run­gen der Extremitäten
  • fort­ge­schrit­te­ne peri­phe­re Neu­ro­pa­thie (z. B. bei Dia­be­tes mellitus)
  • pri­mär chro­ni­sche Polyarthritis

In die­sen Fäl­len soll­te die The­ra­pie­ent­schei­dung unter Abwä­gung von Nut­zen und Risi­ko sowie der Aus­wahl des am bes­ten geeig­ne­ten Kom­pres­si­ons­mit­tels getrof­fen werden.

Wann ist eine Kom­pres­si­ons­ver­sor­gung zu ent­fer­nen und der kli­ni­sche Befund zu kontrollieren?

Alarm­zei­chen, bei denen die Kom­pres­si­ons­ver­sor­gung ent­fernt wer­den soll­te, sind:

  • Blau- oder Weiß­fär­bung der Zehen
  • Miss­emp­fin­dun­gen und Taubheitsgefühle
  • zuneh­men­de Schmerzen
  • Kurz­at­mig­keit und Schweißausbrüche
  • aku­te Bewegungseinschränkungen

För­de­rung der Adhärenz

In zahl­rei­chen Stu­di­en konn­te gezeigt wer­den, dass die Pati­en­ten umso kon­se­quen­ter ihre Kom­pres­si­ons­the­ra­pie aus­füh­ren, je bes­ser ihnen der Sinn und Zweck der Kom­pres­si­ons­the­ra­pie erklärt wor­den ist. Eine gro­ße Rol­le spielt dabei eine gute Auf­klä­rung über mög­li­che Neben­wir­kun­gen und Risi­ken, über die rich­ti­ge Anwen­dung der Kom­pres­si­ons­ma­te­ria­li­en und über beglei­ten­de Maß­nah­men. Mit der Ein­lei­tung der Kom­pres­si­ons­the­ra­pie soll­ten die Pati­en­ten dar­über infor­miert wer­den, dass es durch die mecha­ni­sche Ein­wir­kung des Kom­pres­si­ons­strump­fes häu­fig zu Haut­rau­ig­kei­ten und Schup­pung, ggf. sogar zu Rötung und Juck­reiz kom­men kann. Dies ist in der Regel eine unspe­zi­fisch mecha­ni­sche Rei­zung und kei­ne all­er­gi­sche Reak­ti­on. Da der­ar­ti­ge Haut­rei­zun­gen bei über 50 % der Pati­en­ten unter Kom­pres­si­ons­strümp­fen auf­tre­ten, soll­te den Pati­en­ten schon mit Beginn der Kom­pres­si­ons­the­ra­pie zu einer kon­se­quen­ten opti­mier­ten Haut­pfle­ge gera­ten wer­den. Hier bie­ten sich Exter­na an, die Urea (Harn­stoff) in einer Kon­zen­tra­ti­on von 5 bis 10 % ent­hal­ten. Ein wei­te­rer wich­ti­ger Punkt ist, den Pati­en­ten den Mas­sa­ge­ef­fekt durch den Wech­sel von erschlaff­ter Mus­ku­la­tur in Ruhe und ange­spann­ter Mus­ku­la­tur in Bewe­gung unter Kom­pres­si­on zu erklä­ren. Die Pati­en­ten soll­ten zu einer regel­mä­ßi­gen Bewe­gung ange­hal­ten wer­den, um die­sen Mas­sa­ge­ef­fekt unter Kom­pres­si­on auszunutzen.

Fazit

Unter Berück­sich­ti­gung der Hin­wei­se der neu­en Leit­li­nie wird durch die Kom­pres­si­ons­the­ra­pie die Lebens­qua­li­tät und die Sym­pto­ma­tik der Pati­en­ten nach­hal­tig ver­bes­sert werden.

Der Autor:
Prof. Dr. med. Mar­kus Stücker
Prä­si­dent der Deut­schen Gesell­schaft für Phle­bo­lo­gie (DGP)
Lei­ten­der Arzt am Venen­zen­trum der Der­ma­to­lo­gi­schen und Gefäß­chir­ur­gi­schen Kliniken
Kli­ni­ken der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum im St. Maria-Hilf-Krankenhaus
Hil­tro­per Land­wehr 11–13
44805 Bochum
M.Stuecker@klinikum-bochum.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Stü­cker M. Emp­feh­lun­gen und Neue­run­gen aus der S2k-Leit­li­nie „Medi­zi­ni­sche Kom­pres­si­ons­the­ra­pie der Extre­mi­tä­ten“ aus dem Jahr 2019. Ortho­pä­die Tech­nik, 2020; 71 (6): 46–50
P („pres­su­re“)
Druck, den der Kom­pres­si­ons­ver­band auf die Extre­mi­tät ausübt
LA („lay­ers“)
Über­lap­pung der Mate­ria­li­en, sowohl ein­zel­ner Kom­po­nen­ten als auch meh­re­rer übereinander
C („com­pon­ents“)Art der Mate­ria­li­en, aus denen sich die ein­zel­nen Bestand­tei­le zusammensetzen
E („ela­s­ti­ci­ty“)Elas­ti­zi­tät, die das Mate­ri­al befä­higt, einen hohen Druck bei unbe­weg­ter Extre­mi­tät zu erzeugen
Tab. 1 Kenn­zeich­nung von Kom­pres­si­ons­ver­bän­den mit dem Akro­nym „P‑LA-C‑E“.

 

 

  1. Rabe E, Föl­di E, Ger­lach H, Jün­ger M, Lulay G, Mil­ler A, Protz K, Reich-Schup­ke S, Schwarz T, Stü­cker M, Val­esky E, Pan­nier F (feder­füh­ren­de Fach­ge­sell­schaft: Deut­sche Gesell­schaft für Phle­bo­lo­gie e. V.). S2k-Leit­li­nie „Medi­zi­ni­sche Kom­pres­si­ons­the­ra­pie der Extre­mi­tä­ten mit Medi­zi­ni­schem Kom­pres­si­ons­strumpf (MKS), Phle­bo­lo­gi­schem Kom­pres­si­ons­ver­band (PKV) und Medi­zi­ni­schen adap­ti­ven Kom­pres­si­ons­sys­te­men (MAK)“ (AWMF-Leit­li­ni­en­re­gis­ter Nr. 037/005). Stand: 31.12.2018, gül­tig bis 31.12.2023. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/037–005l_S3k_Medizinische-Kompressionstherapie-MKS-PKV_2019-05.pdf (Zugriff am 02.05.2020)
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